Autor Thema: Deck sieben  (Gelesen 865 mal)

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Max

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Deck sieben
« am: 04.02.21, 16:35 »
Ich kann Euch eine neue Kurzgeschichte präsentieren :)
"Deck sieben" - so der Titel - ist nicht wirklich etwas Herausragendes; was das anbelangt, lege ich Euch eher "Auk" ans Herz ;)  ;D
Aber vielleicht habt Ihr ja Lust auf eine kleine Lektüre zwischendurch und über Kommentare würde ich mich natürlich auch freuen.

Auf einen PDF-Download oder dergleichen verzichte ich in diesem Fall mal, weil die Geschichte wirklich nicht so lang ist...






Deck sieben


Der Maschinenraum der Schiffe der Pnin-Klasse befindet sich auf Deck zwölf. Das wäre für sich genommen nichts Bemerkenswertes, hätte sich nicht an einem ganz bestimmten Tag, dann nämlich, als die U.S.S. Pnin selbst in jener Region des unendlichen Alls flog, eine mikroskopisch kleine Raumanomalie, eine Fluktuation im Raum, genau diesen Ort ausgesucht, um dort zu entstehen und wieder zu vergehen. Das würde um zwölf Uhr dreißig Bordzeit geschehen, also in zehn Minuten, und nicht mehr als eine Handvoll Sekunden dauern; doch das würde genügen: Die Fluktuation würde das magnetische Eindämmungsfeld des Kerns brechen, Materie und Antimaterie unkontrolliert reagieren und das Schiff vernichten. Die Besatzung und auch ihre Computersysteme könnten bei einer Vorwarnzeit von einer Tausendstel Sekunde gar nichts dagegen unternehmen. Das war das ganz gewöhnliche Risiko für alle, die im Universum unterwegs waren, und im Übrigen lag die Wahrscheinlichkeit, auf so eine Anomalie zu treffen, vermutlich bei eins zu zehn hoch fünf Trilliarden und es ist gar nicht der Mühe wert, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie unwahrscheinlich es war, dass sich diese Anomalie nicht auf Deck eins über dem Kopf des Captains oder auf Deck vier im äußersten Rand des Blattes einer Orchidee formte, sondern ausgerechnet auf Deck zwölf und zwar im Warp-Kern und nicht etwa anderthalb Meter von ihm entfernt.
Ungeachtet dessen, was in zehn Minuten geschähe, interessierte mich Deck zwölf aber gar nicht. Mich zog Deck sieben in seinen Bann, Deck sieben mit der großen Fensterreihe an der Unterseite der Untertassensektion der Pnin – eine Fensterreihe, die aussah, als wäre es der nach unten gerutschte Heiligenschein des Schiffs. Hinter jedem dieser Fenster lag ein in meinen Augen bedeutsamer Raum: das Odeon, der Replikatorraum, die Schiffsbibliothek, der Konferenzraum, das abgeschirmte Be­sprechungszimmer für die Diplomaten, das Schiffsmuseum und die Observationslounge. Tatsächlich gab es noch weitere Räume in diesem äußeren Ring des siebten Decks, die auch wert gewesen wären, besucht zu werden. Doch zehn Minuten sind nicht genug Zeit und so galt es für mich, vor der vollkommenen Vernichtung des Schiffs eine Auswahl zu treffen.

Das Odeon
Ensign Mizel spielte die Oboe schon seit Kindertagen und es blieb nicht aus, dass er, dank Talent und Übung, alle gängigen Stücke seiner jeweiligen Alters- und Könnensstufen beherrschte und schließlich den Computer fragte, was für ihn noch eine Herausforderung darstellen konnte. Computer sind sich der Konsequenzen ihrer Auskünfte meistens nicht bewusst, dieser jedenfalls empfahl Mizel eine anspruchsvolle Serenade der deltanischen Komponistin Jinia. Jahre später meinte Mizel, seine Stunde wäre gekommen, und lud Crew und Passagiere der Pnin zu einem Konzert ein. Ein leidend-klagender Ton reihte sich an den anderen und Mizel gab sich alle Mühe und erreichte schließlich durchaus das, was die Urheberin des Stückes im Sinn gehabt hatte. Lieutenant Tenda wischte sich ein Tränchen aus den Augenwinkeln, Geologe Haywright – sonst ein Banause – konnte ein Zucken der Mundwinkel nicht unterdrücken. Doch diese ganzen Regungen waren weniger Rührung als Freude. Das genau war das Geheimnis der Komposition: aus der Melancholie eine Euphorie entstehen zu lassen. Mizels Oboenspiel harmonisch, der Applaus der Zuhörer stürmisch.
Wer, so fragte ich mich aber, hat das größere Verbrechen begangen? Dieser Musikant? Er hat das Stück nach besten Fähigkeiten gespielt, das mag sein, aber er hat die Brüche nicht verstanden. Entschuldigt ihn, dass er damals, vor hundert Jahren, nicht dabei gewesen ist, als Jinia mit voller Absicht die vielen kleinen Fehler ins Notenblatt eintrug, die der eifrige Ensign aber zehn Jahrzehnte später wie selbstverständlich zugunsten einer glatten, harmonischen Melodie ausbügelte? Als wüsste er besser, was Jinia im Sinne hatte als Jinia selbst! Oder aber das Publikum? Zuhörer, die nur träumen und sich im Vorfeld ganz offensichtlich keine Mühe gegeben hatten, der wahren Intention der Komponistin auf die Spur zu kommen.

Der Replikatorraum
Lieutenant Rham wollte eine neue Vase. Sie war gedacht für jene Orchidee, die jetzt noch im Garten auf Deck fünf der Pnin ihr Dasein fristete und deren Blätter nicht von einer Raumanomalie gekräuselt, sondern durch einen Bruch des Warp-Kerns zerfetzt werden würden. Eigent­lich hielt ich es für fragwürdig, Stängel und Blüte vom Rest der Pflanze zu reißen, wo es doch möglich gewesen wäre, beides gleich zusammen mit der Vase künstlich zu replizieren und die echte Pflanze zu verschonen. Rham sah es anders und vielleicht hätte ich ihm seinen Spaß sogar gegönnt, wäre mir sein jetzt an den Tag gelegtes Verhalten nicht so unpassend erschienen.
»Computer, eine zylindrische Vase erstellen«, befahl er und besah sich den Vorschlag auf einem Display des Replikatorterminals.
»Nein, nein«, entfuhr es ihm. »Natürlich aus Glas.«
Die Anzeige änderte sich.
»Gut. Aber der Boden bauchiger.«
Die Anzeige änderte sich.
»Nein, nicht doch. Nicht so bauchig!«
Das Bild wandelte sich erneut, so auch Rhams Blick. Die ganze Skepsis eines Wesens, das gar nicht wusste, was es wirklich wollte, lag darin.
»Ja«, sagte Rham gedehnt. »Aber der Verlauf der Form nach oben weniger abrupt.«
Der Computer verstand nicht, Rham musste mit den Fingern Linien und Bögen auf das Display malen. Das System setzte die Skizze um und auf einen klirrenden Ton erschien in der Nische des Terminals das gewünschte Ergebnis. Rham entnahm es, immerhin vorsichtig mit beiden Händen. Prüfend wog Rham die Vase hin und her.
»Ja«, sagte Rham in einem Tonfall, wie ihn die meisten Leute benutzen, wenn sie ›Nein‹ sagen.
»Vielleicht doch noch etwas breiter?«, fragte Rham in den Raum, als interessierte sich sonst  irgend­jemand für Einrichtungsbelange oder aber als verstünde der Computer in Wahrheit viel mehr vom ästhetischen Verlangen Rhams, als er bislang zugeben wollte. Bescheiden legte Rham die Vase zurück in die Nische und ein Knopfdruck genügte, um all ihre Moleküle wieder in Energie zu verwandeln. Jetzt forschte Rham durch Sammlungen möglicher Vasenformen. Das Ende wartete ich nicht ab.

Die Schiffsbibliothek
Jeder, der ein Buch tatsächlich in Händen halten wollte, konnte sich eines in der Schiffs­bibliothek bestellen. Das war in den wenigen Monaten, die die Pnin nun erst im All unterwegs gewesen war, gar nicht so selten vorgekommen. Wann immer jemand auf diese Weise ein Buch entstehen hatte lassen, wurde es anschließend – anders als Rhams missglückte Vasen – nicht wieder rückverwandelt, sondern erhielt einen eigenen Platz in der Schiffsbibliothek. Die vorhandenen Titel erlaubten mir ein Spiel: Wie mag eine Person verfasst sein, um sich eine solche Sammlung zusammenzustellen? Natürlich war die Frage müßig, weil es sich um einen kollektiven Ge­schmack handelte, aber doch immerhin: Es war der Geschmack der U.S.S. Pnin.
Alte englische und französische Lektüre neben einem Haufen russischer Romane, eingeklemmt dazwischen ein dünner Band mit der Lyrik von Tarbolde. In einem Regal war ›Ulysses‹ doch tatsächlich der Nachbar der ›Odyssee‹. Vielleicht holte sich der Kommandant des Schiffs Rat bei Kapitän Nemo in Sachen Mystik, wenn er ›20.000 Meilen unter dem Meer‹ aufschlug. Doch das war nur die er­bauliche Literatur. Auch Fachschriften – wie zum Beispiel ein Vergleich von Schmetter­lingen der Klasse-M-Planeten des Alpha-Quadranten mit dem Titel ›Schmetterlinge des Alpha-Quadranten. Ein Vergleich‹ – waren dort zu bewundern.
Auch wenn diese Bibliothek noch keine tausend Bücher vorzuweisen hatte, so spürte man in ihr eigentlich schon einen beträchtlichen Teil der Atmosphäre, die solche ›Tempel des Wissens‹ – ein weiterer Titel im Regal – prägen, hätten da nicht vor den Fenstern Mapharius Hus und Philine Argen gesessen.
»Gedenken Sie das bei Ihrem Vortrag zu wiederholen? Falls ja, so danken Sie dem Schicksal, dass ich hier bin und Sie vor einer großen Peinlichkeit bewahren kann. Die Lautverschiebungen im Andorianischen, das haben die neueren Forschungen gezeigt, waren vor der Zeitenwende weit weniger dynamisch, als die einschlägigen Prosawerke, die aus dieser Epoche noch übrig sind, uns Glauben machen wollen!«
»Wenn Sie Lühsmanns Etymologie…«, begann Hus noch ruhig zu entgegnen.
»Wer? Wessen?«
»Liesmanns.«
Argen lachte auf.
»Lysmann, Hus, Sie meinen Lysmann. Sie haben nicht einmal Ihre paar Namen parat, Hus!«
»Ich sagte Lysmann«, verteidigte sich Hus. Er hätte seiner Stimme mehr Nachdruck verleihen müssen, das steht für mich fest.
»Nein. Mal Lühsmann, mal Liesmann. Gedehnt. Verraten Sie mir: Wie wollen Sie andorianische Lautver­schiebungen einschätzen, wenn Sie noch nicht einmal Namen korrekt auszusprechen ver­mögen?«
»Ich sagte Lysmann.«
»Nein.«
»Doch.«
»Computer«, rief Argen beherzt. »Was hat Hus gesagt?«
»›Die Wahrheit stirbt nicht in den Flammen‹, lautet einer der bekanntesten Aussprüche des böhmischen Reformators Jan Hus, der vierzehnhundert…«, begann der Computer zu de­klamieren.
»Stopp, stopp.«
»Lühsmann oder Liesmann oder Lysmann, der Punkt ist folgender: Wenn Sie Lysmanns Etymologie Vertrauen schenken, dann ja«, führte Hus aus und es folgte seinerseits ein kleines Lachen, als erzählte Lysmann für gewöhnlich nur Märchen für Kinder. Der weitere Tonfall war ehrlich versöhnlicher. »Hören Sie, ich weiß, dass Sie Leeßmanns Schule angehören. Manchmal muss man sich eben entscheiden und kann nicht immer durchs Leben gehen und sagen ›Möglich ja, aber ohne Weiteres?‹ oder ›Mag sein, aber ich warte noch…‹ Verstehen Sie doch! Lesen Sie Firdo oder unterhalten Sie sich mit einem beliebigen Andorianer, dessen Vorfahren vom nördlichen Teil stammen, der aber seit, sagen wir: drei Generationen keinen einzigen Eiszapfen mehr gesehen hat. Dann werden Sie es hören.«
»Firdo? Sie meinen Fürdo, nein?«
Auf dem eigentlich zu klein geratenen, an den Wänden umlaufenden Abstelltischen lagen mehrere Bände. Sie gehörten Hus und Argen, behandelten aber nicht das Thema ihres Streits. Es waren ganz gewöhnliche Kriminalrührstücke und es machte mich betroffen, dass sie am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts wohl immer noch Freunde fanden. Ich überließ beide ihrem Streit, der für mich nur angesichts des dramatischen Umfeldes etwas Epochales besaß.

Der Konferenzraum
Kapitän Nemo schaute aus dem Fenster. Der Narr wirkte eigenartig besorgt, obwohl er von nichts wusste. Ich konzentrierte mich aber vor allem auf den Chefingenieur. Ich fragte mich, wie er es nicht ahnen konnte: Müssten solche Leute nicht eine Art siebten Sinn haben? Ein Gefühl, dass etwas bevorstünde, oder dass ihre Maschinen sich bald nicht wohl fühlen würden? Was sollte sie sonst auszeichnen?
Die Führungsoffiziere besprachen andere Dinge.
»Den Botschafter werden wir in zehn Tagen auf Pacifica abgesetzt haben«, sagte die Erste Offizierin. Mir fiel sofort auf, dass sie dazu auf ihr Anzeigegerät schaute, obwohl sie den Zeitplan doch eigentlich kannte.
»Wird Zeit bleiben für ein paar Urlaubstage für die Mannschaft?«, erkundigte sich der leitende medizinische Offizier. Er schien all die Leiden, die diese Crew gehabt haben mochte, in sich aufgenommen zu haben; jedenfalls wirkte er sehr alt auf mich und ich konnte nicht anders, als seine Frage wie eine selbstsüchtige Bitte nach Erholung aufzufassen. »Pacifica soll sehr schön sein.«
»In drei Wochen erwartet man uns beim Naureau-Cluster«, wandte die Wissenschafts­offizierin ein.
Die Blicke wanderten zum Chefingineur, der schnell genug aus seinen eigenen Gedanken aufwachte, um die versteckte Frage zu beantworten, aber niemals wach genug sein würde, um das Schiff in den entscheidenden Momenten zu retten.
»Es bleiben zwei Tage Puffer«, sagte er, »und nachdem die Maschinen in tadellosem Zustand sind, sehe ich nicht, warum wir von Verzögerungen bei der Reise ausgehen sollten.«
»Also zwei Tage Landurlaub.«
Die Erste Offizierin erbot sich, der Crew die gute Nachricht mitzuteilen. Welche Bilder sich in ihrem Kopf abspielten, jetzt, ein paar Minuten vor halb eins! Das war sicherlich tragisch, aber immerhin würde sie mit schönen Plänen aus dem Leben scheiden.

Das abgeschirmte Besprechungszimmer
Verzerrgeräte unterbanden jegliche Aufzeichnungen. Die Schutzmaßnahmen vor lästigen Störungen würden sogar so weit gehen, dass man in diesem Raum den Knall der Explosion nicht hören würde, wenngleich er auch nicht vor den anderen Folgen der Detonation schützen könnte. Die Idee war, Delegationen einen Ort zur Verfügung zu stellen, der ihrem Trachten nach vollkommener Offenheit im vertraulichen Gespräch gerecht wurde.
Der Botschafter, von dem in der Unterhaltung der Führungsoffiziere die Rede gewesen war, saß zusammen mit seinem Assistenten im abgeschirmten Besprechungsraum. Eine melo­dramatische Entscheidung, wie ich finde, denn sie brauchten für mein Dafürhalten nichts zu befürchten, wenn ich an Leute wie Rham, Tenda und Mizel dachte.
Urlaub stand Botschafter Hagn nicht bevor. Ihn erwarteten auf Pacifica Verhandlungen über den Abbau von Erzen in einem Asteroidenfeld, dessen Zugehörigkeit nicht ganz klar war. Zwischen zwei Planeten gelegen – nennen wir sie Planet A und Planet B –, konnte es vorkommen, dass Asteroiden dergestalt wanderten, dass sie sich einmal näher an Planet A und dann wieder näher an Planet B befanden, wobei nur Planet A ein Assoziierungsabkommen mit der Föderation zum Abbau der Rohstoffe in Betracht zog. Das war fraglos eine schwierige Ausgangslage, jedenfalls wenn man den Maßstab der Beteiligten anlegte.
Hagn klopfte seinem Assistenten auf die Schulter und lehnte sich zufrieden zurück.
»So weit, so gut. Mein Vater pflegte stets zu sagen: ›Ein Haus ist immer nur so gut wie die Eltern seines Architekten.‹«
Der Assistent verstand nicht recht, aber er überspielte das mit einem zaghaften Nicken.
»Unsere Vorgehensweise ist eigentlich klar«, fuhr der Botschafter fort. »Dennoch habe ich das Gefühl, dass wir etwas noch nicht bedacht haben. Wie damals Rordern bei der dritten Konferenz mit den Klingonen, als er dem Kanzler des Hohen Rates…«
Er unterbrach sich selbst mit einem stummen Lachen.
»…Oder beim letzten Komitee-Treffen, als der Admiral… Aber man muss ihn in Schutz nehmen, denn niemand konnte ahnen, dass gegen die Blumen… Nein, das stimmt nicht ganz. Ich ahnte es fast, aber nur wegen der Orden… Eigentlich nichts falsch mit den Orden, der Glaube daran mag da auch eine Rolle spielen, aber sieben Minuten hätten es nun nicht sein müssen, bevor wir alle mit dem… Na, sei’s drum. Was könnten wir noch übersehen haben?«
»Ich denke, die zentralen Punkte sind geklärt, Herr Botschafter.«
Hagn nickte bedächtig. Dann ließ er seinen Blick schweifen. Viel gab es hier nicht zu sehen, deswegen blieb er auf der eigenen Kleidung und auf der des Assistenten ruhen.
»Glauben Sie«, murmelte Hagn, »dass ich in der dunklen Robe zu wenig auffallen werde? Ein Botschafter muss schließlich repräsentieren! Ich würde weiß tragen, das macht immer Eindruck und ist ein positives Signal.«
»Ich bin mir nicht sicher, Sir, was die Farben Weiß oder Schwarz in den Kulturen der Baba­dianer bedeuten«, entgegnete der Assistent. Er brachte es fertig, lauter als der Botschafter zu sprechen und dennoch unterwürfig zu klingen. Übung machte auch hier den Meister.
»Das müssen wir in Erfahrung bringen!«, verkündete Hagn. Er sprach eindringlich, aber leise und verschwörerisch, so als wäre es die größte Gefahr, dass jemand von diesem Thema Wind bekäme. »Noch ist Zeit genug!«

Das Schiffsmuseum
Die U.S.S. Pnin, das erkannte man beim Betreten dieses Raums sofort, war noch nicht lange genug im Dienst, um wirklich stolz auf eine eigene Historie zu sein. Museum – das konnte natürlich viel bedeuten. Die eigentliche Bestimmung in diesem Fall wäre mit der Zeit gewesen, all die Geschenke als Exponate zu präsentieren, die man im Zuge diplomatischer Kontakte gesammelt hätte. Mir ist die Jagd nach Erstkontakten in der Sternenflotte durchaus bewusst, aber an ihr hätte sich die Pnin ohnehin nie beteiligt, sofern nicht ein Zufall geholfen hätte, der ungefähr mit dem einer Raumanomalie im Warp-Kern vergleichbar wäre. Als Kurzstrecken­forschungsraumschiff widmete sie sich anderen Aufgaben. Ihre Pionierleistung würde darin bestehen, sämtliche Elemente eines Nebels in ihrem Wandel über mehrere Wochen zu analysieren, während ein anderes Schiff oder auch nur eine leistungsstarke Sensorenphalanx die Entstehung der Gasansammlung entdeckt hätte. Und so ist nicht verwunderlich, dass das erste Exponat des Schiffsmuseums ein Gastgeschenk eines ediischen Delegierten war, den die Pnin vor Monaten als Passagier hatte begrüßen dürfen.
Maga Brehn, eine Frau von etwa zwanzig Jahren und noch jüngerem Gemüt, von der niemand außer ihr selbst erklären hätte können, weswegen sie überhaupt an Bord war, stand vor der Stele mit diesem Gastgeschenk. Es handelte sich dabei um eine handtellerkleine Skulptur eines geflügelten Pferdes. Jemand hatte dem Delegierten zu einem Holzpferdchen geraten und, um den Spaß nicht zu weit zu treiben, schließlich doch die Geschichte von Troja erzählt, woraufhin man noch schnell zu einer Pegasus-Figur wechselte. Brehn kam nicht dahinter, aus welchem Material diese kleine Skulptur war. Sie hatte die Stele nun schon zum dritten Mal umrundet, als stünde zu erwarten, dass das Hinweisschildchen dann einer Belohnung gleich neue Informationen preisgeben würde. Da das nicht der Fall war, wandte sich Brehn in ihrer Not an den Computer.
»Computer«, meinte sie also; zumindest zeugte ihr Flüsterton davon, dass sie dem Raum den angemessenen Respekt entgegen bringen wollte. Argen und Hus hätten sich zumindest daran ein Beispiel nehmen können. »Aus welchem Material ist dieses Pferd?«
Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass diese Frage in der über zweihundertdreißigjährigen Geschichte der Sternenflotte zum ersten Mal gestellt worden war.
»Metedrid«, lautete die Antwort und Brehn staunte. So weit, dem Computer gegenüber ihre Unwissenheit erkennen zu geben und nachzufragen, was genau das für ein Stoff sei, kam es nicht – nicht, weil es schon zwölf Uhr dreißig war, sondern einfach, weil Maga Brehn den nächsten logischen Schritt zugunsten einer anderen Idee übersprang.
In einer einzigen, wie verlangsamten Bewegung griff sie nach dem kleinen Pegasus. Die Flügel waren schließlich nur Dekoration, so kam eine Flucht nicht infrage. Doch statt die Skulptur richtig zu umfassen, stießen aus Versehen zuerst Maga Brehns Fingerkuppen genau an die Flügelspitzen der kleinen Figur. Echte Schätze hätte die U.S.S. Pnin meiner Einschätzung nach nie beherbergt und so war es für mich kein Wunder, dass es keine Sicherheitsmaßnahme gab und sich die Skulptur ohne Weiteres und ohne einen Alarm zu verursachen aus der schwachen magnetischen Verankerung löste und schwankte.
Die Millionen kleinster Splitter, die sich auf dem Boden des Schiffsmuseums verteilten und ihn wie Kohlenstaub bedeckten, fast als wäre die Skulptur spurlos verschwunden, legten Zeugnis davon ab, dass es sich bei Metedrid um ein leicht metallhaltiges, indes vor allem sehr poröses Gestein han­delte.

Die Observationslounge
Eigentlich gab es mehrere Lounges zum Beobachten des Weltraums, denn schließlich wollte man auch die Orte anschauen können, die nicht rein zufällig in Flugrichtung der U.S.S. Pnin lagen. Doch alle bis auf die vorderste Lounge waren jetzt verwaist.
Hier hingegen standen Ensign Aysel, promovierter Mikrobiologe, und seine Tochter Lisa, aufgewecktes Vorschulkind, vor den großen Fenstern und bestaunten die Lichter der Sterne und die farbigen Bänder ferner Gasnebel.
»Was ist das?«, fragte die kleine Lisa.
»Das ist der Agamen-Nebel«, antwortete der Vater brav.
»Was macht er?«, hakte Lisa nach.
»Was er macht?«, wiederholte der Vater. »Nun… nichts.«
»Warum?«
»Weil er einfach so da ist, das ist einfach eine Ansammlung von interstellarem Gas einer Super­nova.«
»Was heißt das?«
Da Lisa nicht locker gelassen hatte, stand Aysel nun vor einer heiklen Entscheidung, die eigentlich durchaus eine gewisse Tragweite besaß; doch dessen war er sich vermutlich gar nicht bewusst.
Er überlegte eine Sekunde, ich besah mir seine Augen und noch ehe Aysel den Mund zur Antwort geöffnet hatte, sagte mir mein Gefühl, dass er die falsche seiner zwei Optionen gewählt hatte.
»Nun… Das ist Staub von Feen. Die Feen haben gesehen, dass diese Region des Alls ganz leer und trist war und da wurden sie traurig. Ja. Aber dann kam ihnen eine Idee: ›Wir können schließlich zaubern!‹, sagten sie sich und tanzten vor Freude. Das ging so lange, dass sie beinahe vergessen hätten, was sie vorhatten. Also schwangen sie rasch ihre Zauberstäbe und es dauerte nur Minuten da zauberten sie diesen hellen Feenstaub ins All. Der leuchtet grün und blau und wenn du ganz genau hinschaust, sogar orange. Und er soll alle fröhlich machen, die ihn sehen.«
Das war genug für mich.

Um zwölf Uhr dreißig verließ ich Deck sieben.
Ich dachte nach: Wo sollte ich der Explosion beiwohnen? Im Inneren des Kerns, um die ganze Strahlungspracht genießen zu können? Oder aber in einiger Entfernung, um zu sehen, in welchem Muster die zerfetzten Rumpfteile der Pnin auseinanderstieben? Ich hätte auch beide Beobachtungspunkte zugleich wählen oder noch einmal in der Zeit zurückreisen können, um zuerst das eine, dann das andere zu betrachten.
Ich überlegte weiter.
Ich konnte gar nicht anders, ich musste an die Besatzung und die Passagiere der U.S.S. Pnin denken.
Immerhin hatten sich doch alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemüht. Wollte ich dasselbe von mir selbst behaupten, musste ich dann nicht den Bruch des Warp-Kerns verhindern? Leider musste ich mir diese Frage bejahen.
Der Rest war ein Kinderspiel: Ich schleuderte die Anomalie ein Lichtjahr weiter in den leeren Raum.
So geschah also nichts: Keine Explosion, die Pnin flog immer noch ruhig ihrem Ziel entgegen und die Leute an Bord gingen weiter ihren Beschäftigungen nach.
Doch nachdem niemand von meinen Bekenntnissen erfahren wird, kann ich gestehen, dass mich dieses Ende ärgerte und unzufrieden zurückließ. Sie wussten alle nichts von ihrer Rettung und mit jeder Sekunde, die verging, wurde ich mir immer unsicherer, ob sie sie überhaupt verdient hatten.
So ließ ich eine kleine Gravitationswelle entstehen; das war nichts Tragisches, aber ein kurzes Zittern durchfuhr die Pnin. Das löste gleich zwei Probleme: Ensign Mizels Oboe nahm Schaden, als sie – gerade nach der Zugabe wollte er sie wegstecken – auf den Boden fiel, und ich muss nicht erwähnen, was aus Rhams Glasvase wurde.
Hus und Argen würden nie erfahren, wer die Täter in ihren Kriminalgeschichten waren, denn ich entfernte die letzten Seiten aus ihren derzeitigen Büchern und allen zukünftigen, die sie zur Lösung dieses Rätsels zurate ziehen wollen würden.
Der Schiffsarzt durfte seinen Landurlaub haben, doch einer Laune der Natur würde er es verdanken, dass es zwei Tage und zwei Nächte durchregnete und erst dann die Sonnenstrahlen durchbrechen würden, wenn es Zeit wäre, wieder auf das Schiff zu beamen. Und ein ungeschickter Kellern würde ganz zufällig blauen Saft über die weiße Gala-Uniform von Botschafter Hagn schütten – Stoff für zahllose Anekdoten kommender Jahre, da niemand den Affront vorausgesehen hatte, den das in den Augen der Babadianer bedeutete.
Schwieriger lagen die Fälle Brehn und Aysel. Für einen Moment ersann ich den Plan, dass sich alles, was Maga Brehn ab jetzt berühren würde, sofort in Metedrid verwandelte. Aber schließlich befand ich, dass Brehn schon genug gestraft war. Asyel hingegen sollte dafür büßen, den Zauber der Wissenschaft zu einem unwisschaftlichen Zauber verdreht zu haben: Ihn würden die nächsten Semester Heerscharen von Studenten mit den unsinnigsten Fragen behelligen – wobei das wahrscheinlich auch ohne mein Zutun geschehen wäre.
Wer mich nun als boshaft bezeichnet, kennt sich zu wenig mit den schier allmächtigen Wesen des Alls aus und hat schon wieder vergessen, wie viel schlimmer es für alle auf Deck sieben der U.S.S. Pnin hätte kommen können.
« Letzte Änderung: 04.02.21, 17:22 by Max »
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Alexander_Maclean

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Antw:Deck sieben
« Antwort #1 am: 04.02.21, 22:56 »
Ein schöne kleine Geschichte.

Interessante Idee, den Blickwinkel eines Q zu wählen. Auzfgrund der Schelmigkeit am ende würde ich sogar tippen, dass es DER Q war.

Deine Beschreibungen sind zudem sehr detailreich und so konnte ich mir vieles gut vorstellen.
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Max

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Antw:Deck sieben
« Antwort #2 am: 05.02.21, 10:10 »
Danke fürs Lesen und für Kommentieren, Alex :)

Schon möglich, dass es genau der Q ist, aber so richtig mit ihm "im Kopf" habe ich die Geschichte nicht geschrieben; hauptsache ein schier übermächtiges Wesen ist da im Spiel, vielleicht ist es sogar gar kein Q.

Es freut mich natürlich, dass Dir die Beschreibungen zugesagt haben :)
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Kontikinx1404

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Antw:Deck sieben
« Antwort #3 am: 05.02.21, 16:42 »
Die Geschichte aus dem Blickwinkel eines Q zu erzählen ist mal etwas neues und hat mir gut gefallen. Ein Q misst natürlich den täglichen Beschäftigungen der Besatzung keinerlei bedeutung zu.
Für ihn sind das alles belanglose tätigkeiten.
Da sich die Crew für ihre Rettung nicht bedankt hat, hat er sich kleine Bosheiten ausgedacht, die mir persönlich gut gefallen und zum Charakter eines Q passen könnten.

Eine schöne, unterhaltsame Kurzgeschichte

Übrigens bin ich auf die Pnin-Klasse gespannt. Ich hoffe da kommt irgendwann noch ein Bild von dem Raumschiff. Würde mich freuen. Schließlich hast du ja im Wiki schon einen Artikel angelegt.
Alle meine Geschichten sind auch in meinem Portfolio verfügbar.
Mein Portfolio: http://www.sf3dff.de/index.php/topic,3793.msg186274.html#msg186274

Max

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Antw:Deck sieben
« Antwort #4 am: 06.02.21, 10:13 »
Danke fürs Lesen und für das Feedback, Konti :)

Wahrscheinlich würde ein Q oder speziell der Q, den wir aus ST kennen, noch härter über die Crew urteilen. Vielleicht hätte es der Geschichte auch noch einmal gut getan, wenn alles noch viel mehr zugespitzt wäre. Aber es war nur eine kleine Geschichte für zwischendurch, wie im Einleitungstext angedeutet.
Nachdem die Crew nichts von dem, was drohte, erfuhr, war es natürlich ungerecht, ihr vorzuwerfen, dass sie sich nicht für die Rettung bedankt, aber die kleinen Boshaftigkeiten sind ja wirklich kein Vergleich zum viel härteren Schicksal. Da könnte man fast ins Grübeln geraten: Wer weiß, welche kleinen Begegnungen mit dem Pech im Alltag in Wahrheit auf das Konto eines Qs gehen, der einem immerhin vielleicht vor viel Schlimmerem bewwahrt hat ;) ;) ;)

Und ja, Du kennst mich gut: Es gibt auch ein Design zur U.S.S. Pnin :) Mit ein paar Dingen bin ich noch nicht zufrieden, die Umsetzung ist also noch in der Work-in-Progress-Phase, aber ich hoffe, bald etwas vorzeigen zu können.
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Roger van Dyke

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Antw:Deck sieben
« Antwort #5 am: 06.02.21, 20:48 »
Hallo Max,

da hast Du aber wieder mal einen rausgehauen. :)

Ich habe mich schon bei den ersten Zeilen gefragt, wer oder was das sein konnte, denn ein Überlebender einer solchen Katastrophe konnte es nicht sein, da von Anfang an klar schien, dass diese Anomalie bislang von keinem bemerkt worden war.
Es ist im übrigen dieser klassische perfektionismus, den (unser) Q immer an den Tag gelegt hat und der kleine Fehler abstraft, obwohl sie zum Leben gehören, man an Ihnen wachsen kann, oder wie beim Spiel des Musikstücks eine eigene Interpreatation wählt um nicht einfach nur zu kopieren.
Ich finde es schön, dass das allmächtige Wesen ein Einsehen hatte und es zeigt für mich erneut die eher ungeduldige Seite des bekannten Q, dass er nicht wie schon angemerkt in der Zeit zurückgereist ist und vielleicht einen kleinen Hinweis platziert hat um zu sehen, ob die Mannschaft vielleicht selbst darauf kommt, oder welche Gegenmaßnahmen sie versucht. Das wäre aus seiner Sicht doch vielleicht viel amüsanter gewesen.

Alles in allem wieder mal eine sehr lesenswerte Geschichte von Dir, die den Leser in seinen Bann ziehen kann, auch wenn sie kurz ist.
All meine Geschichten und meine sonstigen Werke findet ihr in meinem Portfolio
Rogers Portfolio =/\= http://www.sf3dff.de/index.php/topic,1970.msg77466.html#msg77466



Kürzlich war ich in Frankfurt auf der Zeil und habe den Menschen zugehört, die an mir vorübereilten. Da hab ich wieder richtig Sehnsucht nach Deutschland bekommen, wo alle meine Sprache sprechen.

Crewman Koljakowa

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Antw:Deck sieben
« Antwort #6 am: 06.02.21, 22:23 »
Es hat mir sehr viel Freude gemacht das zu lesen, Max. Danke dafür :)

Dieser Blickwinkel kurz vor der Katastrophe; einfach mal in etwas "normales" zu gucken... ich glaub ich würde mich als Q daran auch erfreuen und es dann verhindern :D
Fand die Idee auf jeden Fall toll, und dein Schreibstil gefällt mir ja auch ;) von daher. Sehr cool....  :thumb
Hier steh ich nun, Gott sei mein Zeug' ,blutig aber ungebeugt!


RPG Chara: Lt.JG Okana Ravenna OPS

Max

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Antw:Deck sieben
« Antwort #7 am: 07.02.21, 14:38 »
Hallo Max,

da hast Du aber wieder mal einen rausgehauen. :)

Ich habe mich schon bei den ersten Zeilen gefragt, wer oder was das sein konnte, denn ein Überlebender einer solchen Katastrophe konnte es nicht sein, da von Anfang an klar schien, dass diese Anomalie bislang von keinem bemerkt worden war.
Es ist im übrigen dieser klassische perfektionismus, den (unser) Q immer an den Tag gelegt hat und der kleine Fehler abstraft, obwohl sie zum Leben gehören, man an Ihnen wachsen kann, oder wie beim Spiel des Musikstücks eine eigene Interpreatation wählt um nicht einfach nur zu kopieren.
Ich finde es schön, dass das allmächtige Wesen ein Einsehen hatte und es zeigt für mich erneut die eher ungeduldige Seite des bekannten Q, dass er nicht wie schon angemerkt in der Zeit zurückgereist ist und vielleicht einen kleinen Hinweis platziert hat um zu sehen, ob die Mannschaft vielleicht selbst darauf kommt, oder welche Gegenmaßnahmen sie versucht. Das wäre aus seiner Sicht doch vielleicht viel amüsanter gewesen.

Alles in allem wieder mal eine sehr lesenswerte Geschichte von Dir, die den Leser in seinen Bann ziehen kann, auch wenn sie kurz ist.
Vielen herzlichen Dank, Roger :)
Ich hatte den bekannten Q beim Schreiben nicht unbedingt im Sinn. Aber in vielen Punkten würde er wahrscheinlich ähnlich denken und handeln. Das mit dem Musikstück, das Du ansprichst... Eine eigene Interpretation würde "unser" Q vielleicht sogar irgendwie gut finden - wenn es um ihn selbst gehen würde ;) Hier glaube ich war sozusagen die Anmaßung bei gleichzeitiger Ignoranz das Problem.
Es freut mich, dass es Dir gefällt, dass das Wesen die Crew am Ende verschont. Seine Erkenntnis kommt ein bisschen plötzlich, aber ich mag auch den Gedanken, dass er sieht, dass alle Personen so, wie sie handelten, nichts Böses im Sinn hatten, sondern dass es einfach ihre Art war.

Du hast Recht, mit ein paar anderen Ansätzen hätte man noch einiges mehr aus der Prämisse herausholen können. Ein Test - eben typisch Q - wäre eine Möglichkeit gewesen. Ich glaube, ich kam nicht auf diese Idee, weil in dieser Geschichte die mehr oder weniger sinnfreien Kleinigkeiten des Alltags im Vordergrund stehen sollten. Aber es wäre auch spannend gewesen, ein wenig mehr mit der Zeit selbst zu arbeiten: Als (fast?) allmächtiges Wesen hätte sich der Erzähler ja auch einen Spaß daraus machen können, in die Geschehnisse stärker einzugreifen und sozusagen immer wieder vor- und zurückzuspulen.
Es wäre ein bisschen teleologisch daherkommen oder hätte an VOY "Ein Jahr Hölle" oder TNG "Déjà Vu" erinnert, aber es wäre auch eine Möglichkeit gewesen, dass sich die Crew mit ihren, joah, Nichtigkeiten so lange und sich im Kreis drehend fortfährt, bis die Anomalie von selbst verschwindet, fast so, als wäre sie nur im Raum entstanden, weil das Universum etwas gegen besagte Nichtigkeiten hätte ;) ;)

Aber es freut mich, dass Dir die Geschichte auch bei diesem Ansatz gefallen hat, Roger :)



Es hat mir sehr viel Freude gemacht das zu lesen, Max. Danke dafür :)

Dieser Blickwinkel kurz vor der Katastrophe; einfach mal in etwas "normales" zu gucken... ich glaub ich würde mich als Q daran auch erfreuen und es dann verhindern :D
Fand die Idee auf jeden Fall toll, und dein Schreibstil gefällt mir ja auch ;) von daher. Sehr cool....  :thumb
Vielen Dank auch an Dich Kolli :lieb
Eigentlich kommt die Geschichte ziemlich undramatisch daher, wenn man bedenkt, was für die Crew auf dem Spiel stand, aber ich glaube auch, dass man als Q oder Q-ähnliches Wesen da eher einen neugierigen Blick auf die Geschehnisse haben könnte. Und wenn man ohnehin die Macht hat, so eine Katastrophe zu verhindern, kann man noch viel unbefanger zuschauen, was "davor" passiert.
Vielen Dank fürs Lesen und die Komplimente :)
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« Antwort #8 am: 26.10.21, 23:28 »
Ich hatte ein riesiges Vergnügen beim Lesen dieser Geschichte. Vielen lieben Dank dafür. Mir gefiel vor allem, mit welcher Leichtfertigkeit du die Essenz von Q eingefangen hast. Unheimlihc große Neugier, massive Überheblichkeit und dann dieser Drang nach unerfüllter Aufmerksamkeit. Richtig großartig.

Unabhängig davon gefiel mir als begeistertem Germanistik-Studi die Diskussion über andorianische Lautverschiebungen unheimlich gut. Aber das war auch nur ein Juwel in einem wunderschönenen Kleinod von Literatur. Wirklich etwas ganz besonderes und das in dieser Kürze. Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. :)
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Max

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Antw:Deck sieben
« Antwort #9 am: 27.10.21, 11:01 »
Vielen Dank für die so wohlwollende Rezension, Will  :w00t :lieb
Danke, dass Du die Geschichte gelesen hast. Normalerweise - so schätze ich das jedenfalls ein - schreibe ich eher ernste Geschichten und deswegen war dieser Ausflug hin zu einem Text mit mehr Augenzwinkern fast schon ein kleines Experiment. Umso mehr freue ich mich, dass Dir "Deck sieben" gefallen hat :)

[...] mir als begeistertem Germanistik-Studi [...]
:o
Oh, darf ich ganz neugierig nachfragen, mit welchen Bereichen oder welchen Epochen oder auch welchen Autoren Du Dich beschäftigst? :) (Ich hatte nämlich NdL als Nebenfach).
« Letzte Änderung: 27.10.21, 11:04 by Max »
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Antw:Deck sieben
« Antwort #10 am: 27.10.21, 12:18 »
Oh, darf ich ganz neugierig nachfragen, mit welchen Bereichen oder welchen Epochen oder auch welchen Autoren Du Dich beschäftigst? :) (Ich hatte nämlich NdL als Nebenfach).

Ich hatte mein Studium tatsächlich ursprünglich mit Geschichte und Politikwissenschaft begonnen, nur um nach 3 Semestern festzustellen, dass PoWi alles versucht, um nicht wie eine Geisteswissenschaft zu wirken. Sehr skurrile Versuche, alles empirisch und falsifizierbar zu machen, alles sehr statistisch. Das war der Moment, an dem ich dachte, dass mir Germanistik auch liegen würde.

Gerade auch, weil diese naturwissenschaftlichen Ansätze mich in PoWi sehr gestört hatten und mir nicht leicht gefallen waren, hatte ich mich dann sehr auf den Literaturanteil gefreut. Ich ging davon aus, dass ich Einführung in die Sprachwissenschaft und alles andere notwendige aus dem Bereich irgendwie bestehen würde, um dann v.a. mit Prosa und Lyrik Spaß zu haben. Aber es kam dann genau anders. Die einführenden Literatur-Seminare waren enttäuschend. Ältere Deutsche Literatur war ausschließlich die Sprache lernen. Ich sollte am Ende als ein "Essay" eine Kurzgeschichte abgeben, was irgendwie nice war, aber mich jetzt nicht weitergebracht hat. Und NDL ging nicht wirklich über Oberstufen-Leistungskurs-Niveau hinaus. Ich hatte auch da gehofft, irgendwie tiefer einsteigen zu können.

Letztlich hatte ich dann in Sprachwissenschaft jede Menge interessante Erkenntnisse. Es war viel systematischer als jemals in der Schule. Bis dahin war alles, was ich an Grammatik gelernt hatte, irgendwie ein inkonsistentes Regelwerk mit Ausnahmen und vielem, das einfach auswendig gelernt werden musste. Und ab der - ich schätze - 7. Klasse war Grammatik dann in Deutsch eh kein Thema mehr gewesen. Hier kam dann auf einmal Systematik da rein. Regeln, die zwar schwierig zu verstehen sind, die ein sehr tiefes Verständnis von Phonetik, Syntax, etc. erfordern, aber dafür dann viel, viel mehr Sinn ergeben.

Und von da an habe ich dann in Literatur nur das Minimum belegt und alle Wahlpflicht-Anteile in Sprachwissenschaft belegt. Ich hatte letztlich eine VL zu Simplicissimus, eine zu Comics als literarischer Gattung und eine zu Nachkriegsliteratur bis zur Wiedervereinigung. Seminare hatte ich zu Else Lasker-Schülers v.a. lyrischem Werk, zu deutsch-jüdischer Gegenwartsliteratur (Billers "der gebrauchte Jude", ich fand schon den ambigen Titel super; Roggenkamps "Familienleben", das sehr gut und authentisch Diskriminierungserfahrungen in der Schule nachzeichnet; Petrowsjakas "Vielleicht Esther" hat sehr schön die auch sprachliche Diversität jüdischer Identität gezeigt; mit Mirna Funks "Winternähe" konnte ich tatsächlich am wenigsten anfangen, denn obwohl mir das Identitätschaos gefiel, war mir dann doch ein wenig zu viel Versuch, den Nahostkonflikt zu bewerten, drin und das wiederum etwas zu vereinfacht) ein Seminar bei der hiesigen Theaterdramaturgin, bei dem wir dann das aktuelle Bühnenprogramm durchgegangen sind (ich hab letztlich ne Hausarbeit zu Shakespeare in Deutschland geschrieben, weil die The Tempest in Übersetzung aufgeführt haben). Dann hatte ich noch was zu Heine und einen Kurs zu Satire, der mir aber zu überblicksartig und referatslastig war (bin nach der Hälfte gegangen).

Was mich letztlich an Sprachwissenschaft bis heute fasziniert, ist, dass es zunächst einmal nur der Beobachtung bedarf. Ich habe in den verschiedenen Kursen quasi Beispiele, was mensch so machen kann, kennengelernt und damit die Denkweise dahinter. Bspw. dass es im Deutschen verschiedene "es" gibt. Da hatte die Dozentin damals dann gefragt, wer bitte "es" ist, wenn es regnet. Hier ist das es rein syntaktisch Subjekt, weil das im Deutschen nicht anders geht. Aber semantisch ist es das nicht. Das "es" steht auch nicht für irgendetwas. Oder in so alten Märchen- oder Liedersätzen wie "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach", in denen die Mühle eigentlich Subjekt ist. Es gibt insgesamt 9 verschiedene "es", die sich im Deutschen identifizieren lassen.

Sehr schön fand ich auch die Idee der Implikatur im Gegensatz zur Implikation (Hauptunterschied: Implikaturen erscheinen uns logisch, obwohl sie es formell nicht sind). Ein Beispiel in einem Buch erklärte das mit folgendem Beispiel:

Ins Logbuch eines Schiffs werden nur die wichtigsten Dinge, die auf der Reise geschehen aufgeschrieben. Am 23. Tag erwischt der Kapitän den ersten Maat betrunken im Dienst und schreibt ins Logbuch: "Erster Maat war heute betrunken." Der beschließt, sich zu rächen, und überlegt, wie er das am geschicktesten anstellen könnte. Am letzten Tag der Reise geht er hin und schreibt ins Logbuch: "Heute ist der Kapitän nicht betrunken".

Ausgehend von sowas habe ich seither immer wieder Momente, in denen ich Ideen habe für sprachwissenschaftliche Erklärungen zu Phänomenen. Zuletzt dachte ich zum Beispiel, dass das, was Kindern zur Auslautverhärtung beigebracht wird, nicht vollständig ist. Diese lernen, dass der stimmhafte Plosiv am Ende eines Wortes nur ausgesprochen wird, wenn dieser der letzte Buchstabe (Bsp: [hʊnt] vs. <Hund>) ist, und nicht, wenn noch etwas folgt (Bsp. [hʊndə] vs. [Hunde]). Dass das als Regel nicht ausreicht, fiel mir auf, als ich über das gesprochene [k] am Ende des ersten Wortes in Bergkette gestolpert bin. Dann kamen noch Wörter wie Ewigkeit hinzu und auf einmal hat mich das fasziniert. Habe mir dann einiges zu Auslautverhärtung angesehen und z.B. bei meiner Konstruktion andorianischer Eigennamen einmal eine Anlautverhärtung hinzugenommen.

Ich finde diese Möglichkeit, einfach mit ein wenig Aufmerksamkeit, so etwas zu erkennen, unheimlich faszinierend. Und das geht in allen Bereichen der Sprachwissenschaft (die vermeintlich wertneutrale Aussage "Es zieht." kann entweder Aussage oder Aufforderung sein. Das ist ein Ding aus Pragmatik). Und fast alle davon sind unheimlich spannend :) :)
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