Autor Thema: "Die Moral von der Geschicht..."  (Gelesen 2217 mal)

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SSJKamui

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"Die Moral von der Geschicht..."
« am: 23.01.11, 13:48 »
Wegen der Diskussion im Military Sci Fi Thread dachte ich, es währe vielleicht mal gut das Thema der \"Message\" der Geschichte in einem extra Thread zu besprechen und entsprechende Techniken dafür zu bereden.

1. Der platonisch-/sokratische Dialog
Eine Technik, wo man verschiedene Positionen zu einem Problem auf verschiedene Parteien in der Geschichte aufteilt, die in der Geschichte aufeinandertreffen, wo dabei dann das Thema diskutiert wird. Einer der frühesten Autoren, die das angewandt haben war Platon, weshalb ich diesen Punkt auch seinen Namen gegeben habe. Dieses Schema ist eigentlich das zentrale Schema von moralisch/philosophischen Themen in Star Trek. Meistens ist dabei die Gegenposition ein unterentwickelter Planet, der genau aus dieser Gegenposition arge soziale Probleme hat. Durch den Kontakt mit der Föderation kommt nun die eigentliche These ins Spiel und es beginnen einige Diskussionen zum Thema, die häufig dazu führen, dass sich das Problem zum Guten wendet, da die Gegenseite von der These überzeugt wurde.

Das Problem dabei ist erstmal, dass dies erstens eine ziemliche Schwarzweißmalerei ist und zweitens sehr stark eine Überlegenheit der Protagonisten suggeriert wird. (Außerdem ist diese Variante auch sehr häufig bei moralischen Botschaften in Kinderserien und \"Samstagmorgencartoons\" anzutreffen, weshalb einige Leute dagegen eine gewisse Aversion haben.)

Deshalb finde ich dabei eine Modifikation dieses Ansatzes besser und zwar das die Gegenseite gar keine Meinung an sich darstellen soll, sondern die Personifikation des Themas/des Problems.

2. Die ungeklärte Anspielung
Eine Taktik, die in japanischen Medien und Teilen des Matrix Franchises sehr beliebt ist. Dabei werden zu einer halbwegs passenden Situation von bestimmten Charakteren Sätze und Zitate in den Raum geworfen und erstmal nicht weiter erklärt. Nach dem Satz geht dann auch erstmal die \"Routine\" weiter.  Dies führt dazu, das uninteressierte Leser das einfach ignorieren aber dafür Leser, die sich für philosophische Probleme interessieren dadurch neue Ideen zur Geschichte erhalten können.

Das Problem dabei ist, das kann manchmal sehr lächerlich nichtssagend wirken. (Beispielsweise Matrix Reloaded/Revolutions.)

Drake

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"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #1 am: 23.01.11, 15:48 »
Zu Punkt 1:

Eine Lösungsmöglichkeit die man vielleicht noch hinzufügen sollte wäre die \"ambivalente\" Variante, bei der offen gelassen wird, welche Position Recht hat und der Zuschauer/Leser das für sich selbst entscheiden soll/muss.

Ein Beispiel wäre der Konflikt zwischen Vorlonen und Schatten in Babylon 5, der darauf basiert, welche Philosophie die bessere ist, um den \"jungen\" Rassen in ihrer Entwicklung zu helfen. Symbolisiert wird das in Form der zentralen Fragestellungen von Vetretern beider Rassen - die Vorlonen fragen \"Wer bist du?\", die Schatten \"Was willst du?\"
Die Vorlonen fördern Selbsterkenntnis, die Schatten erfüllen die Wünsche ihrer \"Partner\".

Letztendlich wird aber offenbar, dass beide Rassen gleichermaßen viel Dreck am Stecken haben, der Zuschauer also nicht mehr automatisch zu den vorher \"guten\" Vorlonen tendiert und die Frage nach der besseren Philosophie offen im Raum stehen bleibt.

Zu Punkt 2:

Legendär ist in dem Zusammenhang \"Neon Genesis Evangelion\", das aber auch gleichzeitig berüchtigt ist. Über die vielen Andeutungen diskutieren heute noch sehr viele Fans weltweit, ohne ein eindeutiges Ergebnis zu finden. Andererseits hat gerade das Ende einen dermaßen gewaltigen Symbolik-Overkill, dass man eigentlich kaum noch eine Ahnung hat, was jetzt wirklich geschehen ist und was man daraus für Schlüsse ziehen soll.

Auf der positiven Seite hat man bei Evangelion die Notwendigkeit, sich eingehend mit christlich-jüdischer Mythologie beschäftigen zu müssen um die vielen Andeutungen überhaupt zu verstehen. Und selbst wenn man das nicht tut, bleibt einem immer noch eine Serie mit kurzweiliger Action in Form von Riesenroboter-Kämpfen und Beziehungsdramen sowie Situationskomik.
Im Grunde ist also für jeden etwas dabei, ein gutes Beispiel dafür, dass man vor lauter Mystik und Andeutungen die Unterhaltung nicht vergessen sollte, was leider vor allem in frühen Star Trek-Folgen etwas zu kurz kam.

SSJKamui

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"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #2 am: 23.01.11, 16:00 »
Genau meine Meinung.

Das Ambivalente hatte ich teilweise so ähnlich in meinem Comic. Die Monster sind einfach ein großes Rätsel und gefährlich, aber ob sie Gut oder Böse sind oder was sie überhaupt wollen ist unbekannt.

Von Neon Genesis Evangelion, der Xeno- Spielereihe und Serial Experiments Lain habe ich genau dieses Vorgehen mit der Symbolik auch gelernt. Bei Sci Fi Serien sind diese Medien auch die Medien, die mich am stärksten Beeinflussten.

Weil ich irgendwann die TNG Philosophie vermittlung zu simpel fand und was anspruchsvolleres machen wollte ist  der Einfluss von Eva zusehends bei sowas immer größer geworden.  

Zum Beispiel hatte ich vor Kurzem eine Szene im Comic, wo die Protagonistin auf Albert Camus \"Der Mythos des Sysiphus\" anspielte und von einer nie endenden Arbeit sprach. Mehrmals im Hintergrund war dazu die Zahl Pi versteckt, (wegen der Zeit die es braucht die Zahl Pi auszurechnen). Dann gab es noch ein paar Anspielungen auf alte Kirchenlieder, die Turing Maschine, Psychoanalyse und noch einiges Anderes.  Demnächst komt noch eine Szene im Büro des Professors. Da hatte ich wegen der sprichwörtlichen \"Salomonischen Weisheit\" einige Anspielungen auf Elemente genau dieser Geschichte versteckt.

(Die letzten beiden Evangelion Episoden habe ich hier auch mehrmals als Beispiele genannt wenn jemand mit dem Argument der \"Laberfolgen\" ankam.  Da habe ich meistens gesagt, Evangelion hat das noch 3 mal schlimmer als die meisten Star Trek Episoden.)

SSJKamui

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"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #3 am: 24.01.11, 07:37 »
Das Philosophencameo
Ein Element, das gerade in Computerspielen sehr beliebt ist und als Hinweis und Quellenangabe zur Deutung der Geschichte dient. Beispielsweise ist einigen Final Fantasy 7 Fans aufgefallen, dass das Spiel storytechnisch gewisse Verbindungen zur deutschen Philosophiegeschichte aufweist weil dort ein Charakter namens Heidegger auftauchte. Ein anderes bekanntes Beispiel ist das Spiel Bioshock mit dem Charakter Andrew Ryan, der nichts anderes ist als ein um Buchstaben erweitertes Anagramm von Ayn Rand, einer berühmten US Philosophin.

Interesse durch Rätsel und Verwirrung
Ein weiteres Element prominent in japanischen Medien. Philosophie im Allgemeinen ist die Suche nach der Wahrheit. Was läge da also falsch, den Rezipienten mit Rätseln und Merkwürdigkeiten gerade zu überschütten, wovon später nur einige gelöst werden? Diese Taktik hat den Vorteil, das Rätsel den Rezipienten direkt zum Nachdenken zwingen über das Gesehene. Dadurch, das er über das nachdenken muss, was er sieht ist die Wahrscheinlichkeit höher, das ihm direkt auch einige der philosophischen Anspielungen auffallen. Dazu muss es aber auf der einen Seite einfach zu durchschauende Elemente als \"Köder\" geben, die den Leser dann zu den komplizierteren Sachen lenken.

Die Voltairesche Umkehrung
Eine Taktik um die eigene gesellschaftskritische Aussage abzuschwächen mit der Star Trek berühmt wurde. Dabei wird das Problem indirekt angegangen und auf einen anderen Verschoben. Der eigentliche Verursacher des Problems wird stattdessen als der dargestellt, der das Problem löst. Dieser Ansatz ist eng verwandt mit dem \"platonisch - sokratischen Dialog\", den ich am Anfang ansprach und beides gehört zum klassischen TNG Schema.

Das Problem bei sowas ist, das man so auch die Aussage beim Rezipienten soweit abschwächen kann das er denkt \"das betrifft mich eh nicht, es geht ja nur um irgendwelche Wilde\".  Viele spätere Sci Fi Serien haben gezeigt, das sozialkritische Aussagen eindrucksvoller sind, wenn man sie immernoch auf die Menschheit bezieht. (Zum Beispiel gewisse Babylon 5 Episoden.) Star Trek nutzte dieses Verfahren auch anfänglich, um der Zensur durch den Sender auszuweichen. Da die meisten Fanfiction Autoren keine Probleme mit sowas haben ist dieses Schema auch relativ unnötig, weshalb es eigentlich jedem Autoren selbst überlassen ist, ob und wie er es anwendet.

Das extreme Beispiel
Eine Methode, bei der Autoren etwas durch eine extreme Darstellung zeigen. Das Problem dabei ist, das kann bei schlechter Anwendung sehr leicht ins Gut und Böse Schema abdriften. Manchmal kann dies auch unerwartete Reaktionen hervorrufen. (Bestes Beispiel die Berühmten Werke, die die TV Landschaft kritisiert haben in dem sie fiktionale Spielshows zeigten in denen es meistens darum ging, das irgend ein fiktionaler Kandidat entweder mit Mördern kämpfen musste um sein Leben und/oder selber andere umbringen sollte. Bei fast allen dieser Werke kam es irgendwann bei einer Zuschauergruppe dazu, dass diese fragte, wo man sich denn für eine solche Spielshow bewerben konnte. ) Außerdem kann eine zu große Häufung von solcher Extrema natürlich auch extrem Lächerlich wirken. (Manche Medien legten es darauf ja förmlich in Form von Satire an, ich nenne nur mal \"Judge Dredd\" und \"Robocop\". )

Die \"Patrick Stewart Rede\"
Ein Element, was im Internet (besonders auf TVTropes) so genannt wird weil es häufig Charakteren an den Leib geschrieben wird, die von Patrick Stewart gespielt werden, beispielsweise Captain Picard und Professor Xavier.  Dieses Element beinhaltet, das ein Charakter ein extremes Loblied auf die Menschheit als solches ausspricht, egal was für Fehler der Mensch hat.

Vorteil dieser Methode ist, zur richtigen Zeit hat dieses Element eine extrem beeindruckende Wirkung.

Das Problem dabei ist, so eine Rede kann wenn sie zu häufig erfolgt mehr als albern wirken. Es kann auch die Reaktion \"Star Trek ist in Wirklichkeit ein Werbefilm für die Sternenflotte\" hervorrufen, um es mal so zu sagen.

SSJKamui

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Antw:"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #4 am: 06.01.12, 16:47 »
Über was kann man in der Geschichte bei Philosophie schreiben?

Es existieren einige klassische Themen, die am meisten gebraucht werden in Sci Fi etc. (Man kann die Sachen aber nicht gut trennen, da zum Beispiel das Thema Menschlichkeit immer Elemente der Philosophie des Geistes aufgreift und Politik und Ethik in Diskussionen meistens zusammen thematisiert werden.) Ethik ist zwar die am stärksten genutzte Richtung, aber es lohnt sich "über den Tellerrand zu schauen".

1. Ethik.
Dazu gibt es wohl nicht viel zu sagen. Dies wurde hier auch schon sehr ausführlich behandelt. (Und ist eigentlich die einfachste Form von philosophischen Themen in Geschichten.) Deshalb fasse ich mich hier etwas kurz.

2. Politik
Wie gesagt, Politik überschneidet sich etwas mit Ethik. Das sind thematisierte Fragen wie zum Beispiel der perfekte Staat aussehen soll, ob es so einen Staat überhaupt gehen kann, wie Staaten in bestimmten Situationen regieren sollen, was die wirklichen Folgen von Demokratischer Mitbestimmung sind etc. In Science Fiction sind neben der Space Opera ganz stark die Utopie, die Military Science Fiction und Cyberpunk die Hauptgenres für die Thematisierung solcher Fragen genutzt.  Dabei wird meistens bei der Utopie ein normativer Ansatz verfolgt (was währe das Beste?wie sollte es sein?) während die anderen Genres häufiger einen Deskriptiven Ansatz haben, der sich eher in der Frage ausdrückt "wie geht der Staat mit Herausforderungen/Krisen um?". Bei dem normativen Ansatz müssen Autoren aufpassen, nicht zu sehr ins Dogmatische zu gehen. (Das ist auch das Problem, was viele Leute mit dem Thema der Utopie haben, dass sie befürchten dort zu sehr ins dogmatische zu geraten. ) Auch gilt der deskriptive Ansatz natürlich als "objektiver".

Bei dem Thema muss man auch bedenken, man kann sehr leicht Rezipienten verlieren, wenn man zu belanglose Themen diskutiert. (Im Allgemeinen finden die Menschen Themen interessanter, je größer die Auswirkungen von diesen Themen sind.) Der größte Vorteil des Themas ist, es eignet sich gut für sehr lange Geschichten und Fortsetzungsgeschichten mit starker Kontinuität. (Scheinbar sind solche Plots mit hoher Kontinuität auch Hilfreich, um Dogmatismus zu vermeiden und eine neutralere Sicht einzunehmen. Bestes Beispiel dafür ist wohl Babylon 5. Auch DS9 hat alle Themen weitaus neutraler gesehen im Vergleich zur "TNG Ethikstunde".)  Beispiele für gutes "Zusammenspiel" von hoher Kontinuität und politischer Philosophie sind unter Anderem Babylon 5, Dune und Battlestar Galactica. (Um ein Thema mit starken Auswirkungen zu haben was sich auch gut eignet für eine hohe Kontinuität benutzen viele Autoren auch gerne galaktische Kriege.)

Eine Gefahr ist, wenn man versucht Dogmatismus zu vermeiden kann man leicht in einen extremen Zynismus verfallen und einfach alles als "schrecklich" zeigen.

Kleiner Tipp: Um Utopie und Konflikte und wenig gewaltsame  Auseinandersetzungen zu kombinieren könnte man vielleicht anstatt das man immer schon bestehende Staaten zeigt vielleicht einen im Aufbau befindlichen Staat thematisieren.


3.Menschlichkeit
Das Thema, was es überhaupt bedeutet ein Mensch zu sein. Durch was ist ein Mensch ein Mensch? Welche Auswirkungen hätten Cyborgisation und/oder Genetik auf das menschliche Leben? Wird der Mensch eher durch Erbanlagen oder durch eigene Erfahrungen geprägt? etc. Dieses Thema wird meistens durch künstliches Leben oder Aliens in der menschlichen Gesellschaft thematisiert. (Beispiele aus Star Trek sind die meisten Aliens in der Crew aber auch Figuren wie Data.)  Häufig wird es so dargestellt, dass der Fremde lernt, sich mit den Menschen zu Arrangieren und vielleicht sogar ähnlich wie Pinocchio versucht, möglichst menschlich zu werden. (Beispiele sind dazu unter Anderem Seven of Nine, Data, Spock, Odo aus den Star Trek Serien oder die Figur Robo aus dem Spiel Chrono Trigger.) Auch häufig sind wie bei Seven of Nine quasi Wolfskinder, die aus der Gesellschaft gerissen wurden und ihren Weg zurück finden müssen. Dies kann man auch auf Personen generalisieren, die aus Erfahrung oder Gendefekt etwas fehlt, was ein typischer Mensch besitzt. (Emphatie  oder Gefühle im Allgemeinen.) Diese Plotelemente können leider stark ins Naive abgleiten, insbesonders bei dem Thema, das viele dieser Fremden dann Menschlicher werden wollen und eine hohe Meinung von der Menschheit entwickeln.

Ein anderer Typ Protagonist in solchen Plots ist jemand am Rande der Gesellschaft, welcher einen geregelten Job besitzt aber trotzdem ein Einzelgänger ist welcher Schwierigkeiten hat mit Anderen in Kontakt zu treten, es lieber hat wenn er allein ist und sich unsicher ist über seinen Platz und seine Zukunft. Dies reflektiert Philosophien, welche im 19. Jahrhundert ihren Anfang namen und ihren Höhepunkt in den 60er Jahren besonders in Frankreich hatten. Diese Philosophien gehen davon aus, der Mensch ist von Natus aus komplett Frei aber so, dass der Mensch selbst nicht weiß, was er mit der Freiheit anfangen soll. Früher wurde dies durch soziale/familiäre Bindungen aufgefangen, aber diese lösen sich immer mehr auf, genau so wie Autoritäten, deren Scheinheiligkeit immer auffälliger wird was Zweifel aufkommen lässt, ob man denen wirklich vertrauen kann. Außerdem ist ein Mensch von Natur aus allein und auf sich allein gestellt, selbst wenn er Kontakt zu anderen Leuten hat.  Ultimativ ist man selbst der einzige, der bestimmt, was aus einem wird in einer Form des Selbstentwurfs. (Bekannt hierbei sind wohl die Andeutungen in Blade Runner, Deckard sei selbst ein Roboter und er würde deshalb als einziger die Chance haben, als Mensch zu leben und die anderen Replikanten zu jagen, weil er sich selbst dafür entschieden hat, dass er "ein Mensch ist" gegen seine Natur, da er trotzdem zur Entscheidungsfreiheit verurteilt war.) Weitere Beispiele solcher Philosophie über Charaktere sind Batou und Motoko in den Ghost in the Shell Filmen. Diese Charakterisierung wird häufig mit dem Thema der Großstadt kombiniert.

Auch sehr häufig dabei ist die Betonung der Wahlfreiheit des Menschen (Beispielsweise in X1999 die Frage, ob der Protagonist die Menschen retten oder die Menschheit selbst vernichten will, wo ihm von allen Seiten die vollständige Wahl gelassen wird, ohne Einschränkung).

Häufig werden auch Charaktere gezeigt, welche zuerst unsicher sind aber durch das Erlebte selbstständig ihre Bestimmung wählen und sich klar werden, was sie eigentlich wollen. (Unter Anderem teilweise in der Tarkovski Verfilmung von Solaris.)

Diese andere Thematisierung von Menschlichkeit ist meistens extremst düster. (In Kontrast zur optimistischen Thematisierung a la Data, Spock etc.) Da müssten vielleicht Autoren aufpassen, die richtige Balance zu finden.

Die seltenste Variante dieser Philosophie ist der Vergleich der Menschheit mit einer gänzlich andersartigen ausserirdischen Entitität, welche so anders ist, das diese kaum von Menschen verstanden werden kann. (Ein Beispiel dafür ist V'Ger in Star Trek 1.)

Das Thema der möglichen evolutionären Weiterentwicklung war gerade in den 50ern/60ern sehr beliebt bei US Sci Fi Autoren, besonders bei Arthur C. Clarke. (2001 Odyssey im Weltraum und Die letzte Generation/Childhood's End.)


4. Erkenntnistheorie
Philosophie, welche sich mit dem Thema Wahrnehmung beschäftigt und fragt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und ob dies wirklich die wahre Welt zeigt oder eine Illusion. Dies wird meistens durch die Einführung einer simulierten Scheinwelt, aus der Menschen entkommen gezeigt. (Bekanntestes Beispiel ist hier wohl Matrix. Andere Beispiele sind die Valis Reihe und einige andere Bücher von Phillip K. Dick, Megazone 23, Serial Experiments Lain (Teilweise) und ziemlich viele andere Cyberpunk Filme. ) Bei Star Trek gab es auch einige Folgen in diese Richtung, obwohl dort das Potential nicht wirklich ausgeschöpft wurde. (Allein das Thema der Holodecks bietet sich dafür förmlich an.)

5. Philosophie des Geistes
Dies sind die Fragen, wie der Mensch denkt. Läuft sehr stark mit der Erkenntnistheorie und dem Thema Menschlichkeit zusammen.  Dies sind zum Beispiel Fragen, gibt es Elemente im Universum, zum Beispiel Ausserirdische, die sich so anders entwickelt haben dass der Mensch sie nicht begreifen kann. (Ein Beispiel die Zahl im Film Pi, welche jeden in den Wahnsinn zu treiben scheint, der versucht, diese zu berechnen.)

Häufig zeigt man bei dem Thema einen Protagonisten mit einer psychischen Störung, der versucht, diese loszuwerden oder, diese besser zu verstehen aber auch andere abnormale Geisteszustände wie Hirnwäsche (Dark City) oder komplett künstliche Gehirne. Dort geht man meistens an das Thema heran im Sinne von "Person X ist geistig abnormal. Wieso ist das so, was bedeutet dies für den Geist und welche Erkenntnis kann man daraus gewinnen?" (Sehr oft wird diese Philosophie deshallb in "Paranoider Fiktion" angewendet, einem Genre zu dem man unter Anderem die Werke Phillip K. Dicks zuzählt und das sich quasi mit der Frage beschäftigt "was währe, wenn auch nur eine Wahnvorstellung von irgendwelchen bösen Aliens oder Dämonen keine Einbildung gewesen wäre sondern in Wahrheit Realität und dieses Erlebnis der eigentliche Ursprung des Wahnsinns wäre?".)

Bei dem Thema werden im Plot häufig auch starke Verwirrspiele getrieben und viele rätsel aufgestellt, wo sich der Leser dann selber eine Meinung bilden soll, was das genau bedeutet.

Beispiele für Plots mit dem Thema: die meisten Werke von Phillip K. Dick, Neon Genesis Evangelion, Serial Experiments Lain, Xenogears, Pi, Paranoia Agent 

Als letztes gäbe es noch das Thema der Geschichte, wofür sich offensichtlich Zeitreisen ganz gut eignen.

SSJKamui

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Antw:"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #5 am: 29.10.14, 17:38 »
Ich habe mal eine Zusammenstellung der wahrscheinlichen Quellen der Star Trek Philosophie erarbeitet. (Vieles davon ist Fakt, aber manches auch Spekulation.)

Die Philosophie von Star Trek

Stoizismus
Diese Philosophie ist die offensichtlichste Philosophie von Star Trek, wird da aber kritisch gesehen. Der Stoizismus entstand in Rom und Griechenland und geht davon aus, dass Emotionen mehr Schaden anrichten, als nutzen. (Sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft.) Stattdessen sollte der Mensch sich von seinem Emotionen befreien und eine von der reinen Vernunft und Logik bestimmte Existenz erreichen. (Spitze Ohren optional.) Man soll besonders wissen, welche Dinge "würdig sind, sich darüber aufzuregen" und welche nicht. Laut den Stoikern ist der Tod besser als der Verlust der Selbstkontrolle, weshalb diese Philosophie sowas wie Sterbehilfe bei Krankheit aktiv vorschreibt.

http://en.wikipedia.org/wiki/Stoicism
http://de.wikipedia.org/wiki/Stoa

Utilitarismus
Habe ich schon im military Science Fiction Thread erklärt. "Das Wohl von Vielen wiegt schwerer, als das Wohl von Wenigen oder einem Einzelnen".

Progressivismus
Der Progressivismus ist eine politische Philosophie, die zuerst bei liberalen und einigen Konservativen verbreitet war, aber dann nach links gewandert ist. Die Grundidee kann man einfach zusammenfassen als "technischer Fortschritt muss mit gesellschaftlichem Fortschritt einher gehen", oder "technischer Fortschritt soll zum sozialen Fortschritt genutzt werden". Laut dem Progressivismus sollen Dinge wie Schulen etc. und Technologie gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und die Freiheit des Menschen sicherstellen. Im Bildungswesen zählt statt eines festen Kanons alter Klassiker eher die Praxistauglichkeit und Dinge wie Learning by Doing, Projektarbeit, Lernen durch eigene Erfahrung. Schüler sollen verstehen und nicht auswendig lernen.  (Kritiker sehen darin aber eine Verschiebung der Bildung von Wissenslernen auf Verhaltensmodifikation und damit eine potentielle Rechtsverletzung.) Bekanntester aktueller Vertreter des Progressivismus ist Barack Obama.

http://en.wikipedia.org/wiki/Progressivism
http://de.wikipedia.org/wiki/Progressivismus

Nova Atlantis - Francis Bacon
Eine Utopie der Aufklärung, die eine Forschungsflotte besitzt, die neues erforschen soll und Regionen entdecken soll, in denen noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Gesellschaftlicher Status des Individuums hängt von seiner Arbeit innerhalb dieser Forschungsflotte ab und die Flotte hat erheblichen politischen Einfluss.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nova_Atlantis

Technokratie
Eine Philosophie, die besagt, dass politische Ämter von denjenigen bekleidet werden sollen, die objektiv dafür am Besten geeignet sind. (Prüfung durch Auswahlverfahren etc.) Klüngel und Postenbesetzung nach Verwandschaft und Symphatie sollen gestoppt werden. Die Politik soll wissenschaftliche Maßstäbe und Methoden anwenden. (z.B. wichtige Reformen irgendwie testen, anstatt sie ungeprüft durchzuführen.) Die Technokratie ist eigentlich die Grundlage von 99 Prozent aller utopischen Science Fiction. Im realen Leben ist dies eigentlich eine Grundlage des modernen China geworden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Technokratie

Kulturrelativismus
Eine Philosophie, die sagt, man solle andere Kulturen nicht nach Maßstäben der eigenen Kultur beurteilen und nicht in andere Völker einmischen. (quasi Hauptdirektive)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus

Nikomachische Ethik
Die Nikomanische Ethik ist eine Tugendethik von Aristoteles. Die Grundidee ist, dass es 3 Lebensstile gibt. Der erste Lebensstil ist der Lebensstil eines Parasiten, der nur nach Lust lebt und nur verbraucht. Nach Aristoteles kommt man damit nicht weit. Der zweite Lebensstil ist der ethische Lebensstil der Tugend, der besagt, dass man bestimmte Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit, Ausdauer, Beharrlichkeit, Vernunft, Großzügigkeit, Offenheit etc. fördern sollte um ein guter Mensch zu sein. ("Edel sei der Mensch, Hilfreich und Gut") Dabei ist die Tugend aber entscheidend durch das richtige Maß gekennzeichnet. Laut Aristoteles ist das Schlechte immer das Extreme und das Gute das, was zwischen 2 Extremen steht. (z.B. es ist gut, Fleissig zu sein. Faulheit ist ein Laster, aber gar nicht mehr zu schlafen, bis man von Burnout oder Karushi dahin gerafft wird, ist nach Aristoteles ebenfalls ein Laster. Nur die "goldene Mitte" ist richtig.) Das hängt ebenfalls von der Situation ab. Ein Henker, (oder KZ Wärter), der besonders Fleissig ist, ist bestimmt kein guter Mensch. Auf Grund dessen gibt es auch keine allgemeingültigen Vorschriften, sondern alles muss der Situation nach beurteilt werden. (Also auch sowas wie die Hauptdirektive. )

Star Treks Ethik hörte sich für mich immer nach dieser Art von Tugendethik an.

Dieses tugendhafte Leben nannte Aristoteles auch das politische Leben (und beschrieb demokratische Politiker als den Höhepunkt von Moral und Anstand. Man, die Zeiten haben sich echt geändert. LOL), sah aber darin eine Gefahr, dass man von Anderen abhängig wird. (Auch frei nach dem Prinzip, es lohnt sich nicht, ein guter Mensch zu sein, wenn keiner das mitbekommt. )

Nach Aristoteles arbeitet der Mensch nicht hauptsächlich für äußere Güter wie Geld, sondern in erster Linie, um sich selbst zu verbessern. Dies sei das Hauptziel des Menschen. Und am Besten könne man dies mit dem dritten Lebensstil erreichen. Der Forschung und Wissenschaft.  Dieser Lebensstil sei der Höhepunkt ethisch, moralischer Entwicklung und es gäbe nichts moralischeres, als neues Wissen zu entdecken. Da die meisten Menschen aber Sozialwesen sind, müssen die Menschen sowohl tugendhaft sein, als auch forschen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nikomachische_Ethik

- Objektivismus
Das wird jetzt manche überraschen, weil dies eher in Richtung FDP, AFD, Tea Party, Republikaner gehört, aber es ist so, dass Roddenberry zugegeben hat, sich an Ayn Rands Büchern orientiert zu haben.(Wahrscheinlich kommt daher auch der Name "Janice Rand") (Und Ayn Rand war ein Star Trek Fan und hat gesagt, die Leute sollten sich an Star Trek ein Beispiel nehmen. (An den Vulkaniern und nicht den Ferengi. )) Der Objektivismus ist in gewisser Weise eine Parallelentwicklung zum Existentialismus (wird von vielen Leuten so gesehen) und basiert u.A. uf einigen Frühexistentialisten. Daneben ist das eine Kreuzung der Nikomanischen Ethik, des politischen Liberalismus und einigen Pulp Fiction Attitüden. Das Hauptsächliche des Objektivismus ist, jeder Mensch darf für sich selbst leben und muss keinen Schaden zu Gunsten eines Dritten in Kauf nehmen.  Es ist schön, wenn das Individuum jemandem hilft, wenn es das möchte. (Sofern der, dem geholfen wird, dem würdig ist. Das heißt einfach, man sollte niemandem helfen, der einem zu Dank noch einen Tritt in den Allerwertesten verpasst. ) Zwangsweise Hilfe ist aber keine echte Hilfe. Was Objektivisten ablehnen sind Gewalt als Angriff (zur Verteidigung kann Gewalt geboten sein), Betrug und Zwang, weil diese Dinge dem Gegenüber die Möglichkeit nehmen, die Situation Rational zu durchdenken. Man soll sich als Objektivist zuerst um die eigene Meinung scheeren und dann um die Meinung der Anderen. Erfindergeist, Unternehmertum etc. sind sowas wie Kardinaltugenden des Objektivismus. Von der Achse Aufklärung/Romantik her ist der Objektivismus eine Kombination aus Beidem. Man soll nicht zwischen Leidenschaft und Vernunft wählen. Man soll vernünftig sein. Und das aus Leidenschaft.
Die Bösewichter in Ayn Rands Büchern versuchen eine Welt ohne Individualität zu errichten, wo der Einzelne nur noch Teil des Ganzen ist. Dazu haben diese Leute im Buch Anthem die Leute in Einheitskleidung gesteckt, ihre Namen durch Nummern ersetzt und das Wort "Ich" konsequent durch "Wir" ersetzt. (Spätestens jetzt müsste Star Trek Fans auffallen, was von Ayn Rand in Star Trek landete.)
Ein Hauptanliegen der objektivistischen Utopie ist die freie Entfaltung von Wissenschaftlern und Kreativen, ungehindert von Neidern etc.
Der Unterschied ist, Roddenberry glaubte an linke/kommunistische Ideen und meinte, Ayn Rand läge falsch, dass man freie Entfaltung des Individuum und soziale Sicherheit nicht zusammen erreichen könnte. Deshalb ist die Föderation quasi eine linke Variante von Galts Gulch.
Ausserhalb Star Treks wurde durch den Objektivismus die Figur Iron Man beeinflusst. (Die Gerichtsverhandlung in Iron Man 2 kommt fast wörtlich aus Ayn Rands Buch "Der Streik".)

http://en.wikipedia.org/wiki/Objectivism_%28Ayn_Rand%29#Ethics:_self-interest
http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/UsefulNotes/Objectivism
http://freestudents.blogspot.de/2009/05/maggie-roark-architect.html

(Fun Note: An der Atlas Shrugged Verfilmung war Armin Shimerman beteiligt.)


Ich hoffe mal, die Aufstellung kann hier einigen von Nutzen sein. Sollte Ich was vergessen haben, dann ergänzt es.
« Letzte Änderung: 29.10.14, 17:46 by SSJKamui »

Max

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    • http://home.arcor.de/epgmm_trip/ST-BSB-09.html
Antw:"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #6 am: 30.10.14, 10:52 »
Eine brillante Zusammenstellung, SSJ!
Vielen Dank für die Arbeit, die Du Dir da gemacht hast. Ich finde es sehr, sehr interessant, diese "philosophische Spiegelung" Star Treks zu lesen :)
- [...] Kelvin, machen wir die Luken auf, wir rufen ihn, rufen dort hinunter, vielleicht hört er uns? Aber wie heißt er? Denk nur, wir haben alle Sterne und Planeten benannt, aber vielleicht hatten die schon Namen? Welch ein Übergriff! Hör zu, gehen wir hin. Wir werden schreien... wir sagen ihm, was er aus uns gemacht hat, bis er entsetzt ist... dann baut er uns silberne Symmetriaden und betet für uns mit seiner Mathematik und überschüttet uns mit blutenden Engeln, und seine Qual wird unsere Qual sein, und seine Angst unsere Angst, und er wird uns anflehen um das Ende. Denn das ist alles, was er sein mag und tun mag, das ist Flehen um das Ende. Warum lachst du nicht? Ich mache doch nur Spaß. Wenn wir als Rasse mehr Humor hätten, wäre es vielleicht nicht soweit gekommen.

Tolayon

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Antw:"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #7 am: 30.10.14, 11:59 »
Die aufgezeigten Elemente erklären alle sehr gut, was STAR TREK ausmacht.
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Ich habe mir mal Gedanken zu diesbezüglichen Aussagen gemacht, die man aus STAR WARS herauslesen kann.
Kritiker mögen vielleicht denken, dass diese Geschichten nicht allzu viel Moral haben, außer "Lichtschwerter sind cool, Todessterne sprengen noch cooler und das Gute siegt am Ende immer".

Aber es gibt durchaus einige interessante Aspekte, gerade wenn man alle Filme, "The Clonewars" und das erweiterte Universum bezüglich der Vergangenheit der Alten Republik hinzuzieht.

Stoizismus
Auch dieser spielt im STAR-WARS-Universum eine große Rolle, wenn es um das Ideal eines Jedi-Ritters geht. Die vollkommene Emotionslosigkeit wie bei StarTrek-Vulkaniern wird zwar nie erreicht, aber einige vor allem weibliche Charaktäre kommen diesem Zustand in meinen Augen sehr nahe (Shaak Ti, Luminara Unduli).
Die immer wieder zu hörende Aufforderung "Erforsche deine Gefühle" soll den Jedi dazu bringen, sich mit seinem emotionalen Zustand zu befassen und diesen mit den Erwartungen an seinen "Berufs"-Stand abzugleichen.
Um dauerhaft in einem stoischen Zustand zu verweilen, soll ein Jedi sich von allen weltlichen Bindungen und Ängsten lossagen, was de facto auf ein dem Klosterwesen nahekommendes, umfassendes Zölibat hinausläuft.


Utilitarismus
Der oben genannte Stoizismus ist gewissermaßen die Voraussetzung dafür, dass ein Jedi utilitaristisch handeln kann. Denn im Gegensatz zu einem Sith stellt er nicht seine persönlichen Bedürfnisse (vor allem die Gier nach Macht) in den Vordergrund, sondern handelt stets zum Wohle der Allgemeinheit. Die Opferung einzelner (sei es nun Jedi selbst oder durch die Liquidierung bösartiger Individuen) wird dabei stets in Kauf genommen.

Der Utilitarismus des Jedi-Ordens treibt aber auch einige bedenkliche Blüten, vor allem, wenn man das Verhalten mit dem aus STAR TREK und der damit verbundenen Obersten Direktive vergleicht.
Sobald nämlich auf einem Planeten ein machtsensitives Kind gefunden wird, landen die Jedi einfach mit ihren Schiffen und nehmen es mit. Und da ist es egal, ob es sich um eine bereits Raumfahrt betreibende Mitgliedswelt der Republik handelt, oder um eine prä-industrielle Zivilisation, in deren Entwicklungsgeschichte dadurch massiv eingegriffen wird.
Der Jedi-Orden hält diese Vorgehensweise aber für notwendig, um eine unkontrollierte Entwicklung des potenziellen Nachwuchses hin zur möglicherweise Dunklen Seite zu verhinden.


Konservatismus
Meiner Ansicht nach ist eine konservative Grundhaltung das wohl prägendste Element in jender fernen Galaxie überhaupt. Wir haben es mit einer gesättigten (vielleicht auch übersättigten) Republik zu tun, die seit etwa 25.000 Jahren existiert. Technische Innovationen und Progressivismus wie in STAR TREK fanden schon vor langer Zeit statt, es gibt nur noch eine schleichende Evolution (hauptsächlich hin zu riesigen, in Massen produzierten Raumschiffen).
Die Regierung der Republik wird in den letzten Jahren ihres Bestehens ebenfalls als äußerst konservativ, mit immer faschistischer werdenden Einschlägen dargestellt, bis am Ende der Kanzler sich selbst zum Imperator ausruft.

Auch der Jedi-Orden ist in seinen Ansichten und Strukturen als geradezu erzkonservativ zu bezeichnen. Der Zwang zum utilitaristischen Stoizismus, die Negierung aller persönlichen Bedürfnisse und die Anwendung von Lichtschwertern, die sich über Jahrtausende im Prinzip nicht verändert haben (man hätte zumindest versuchen können, Schwerter mit heißeren Klingen zu bauen, die etwa auch Cortosis durchdringen können).

Es ist auch das Scheitern dieses Konservatismus, des Festhaltens am Status Quo, welcher letztendlich zum Untergang der Republik führte. Wie gegen Ende der "The Clonewars"-Serie sowie in Episode III sichtbar wird, mutiert die Republik gerade dadurch, dass sie das "Böse" (in diesem Fall die Separatisten) mit allen Mitteln bekämpfen will, selbst schrittweise zu diesem Bösen.

Man kann hier auch Anspielungen auf aktuelle politische Entwicklungen im realen Leben sehen, etwa wenn die Freiheitsrechte im Namen der Terrorismus-Bekämpfung immer weiter eingeschränkt werden.

Zuletzt noch ein paar Worte zum Fall Anakin Skywalkers:
Es ist einerseits sein persönliches Verschulden, weil er sich einfach nicht von seinen Leidenschaften lösen konnte und dadurch schrittweise auf die Dunkle Seite der Macht geriet. Aber es ist auch das Verschulden des Jedi-Ordens, der in seiner tradierten "Orthodoxie des Lichts", wie ich es mal nennen möchte, ganz übersieht, dass Jedi eben keine Vulkanier sind und man ihre persönlichen Gefühle und Bedürfnisse doch etwas stärker berücksichtigen sollte.

Luke Sywalker macht übrigens genau das, als er nach dem Sieg über das Imperium den Jedi-Orden wieder neu aufbaut:
Ehen zwischen Jedi, aber auch zwischen Jedi und Nicht-Jedi werden nicht nur akzeptiert, sondern sogar gefördert (unter anderem wohl auch deshalb, weil der Bestand an Machtsensitiven stark dezimiert war).
Luke selbst heiratet am Ende ebenfalls, eine ehemals imperiale Agentin namens Mara Jade.

SSJKamui

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Antw:"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #8 am: 30.10.14, 15:08 »
Danke für das Lob.

Ich stimme zu. George Lucas hat wirklich sehr starke konservative Tendenzen und ich sehe den als Kreuzung zwischen Rechtsliberal und Konservativ. Ich stimme der Zusammenstellung auch komplett zu, würde aber noch einen Punkt bei der Philosophie von Star Wars ergänzen:

Cäsarismus
Ein Konzept des Philosophen Oswald Sprengler, (basierend auf den Ideen Nietzsches, dass es keinen großen gesellschaftlichen Fortschritt geben würde, sondern meistens sich nur die Namen ändern würden, aber nicht die DInge selbst) das besagt, Geschichte verläuft zyklisch. Eine Demokratie entsteht meistens in einer Wirtschaftskrise. Irgendwann hat eine Demokratie aber einen Zenit überschritten und die Wirtschaftskrise war nie weg, oder kommt in einer Form zurück. Die Krise treibt Massen in die Armut. Die Politik verliert an Vertrauen. Die Politiker machen zusehends Politik gegen das eigene Volk. Um die Krise des Staates zu begegnen, werden zusehends demokratische Freiheiten eingeschränkt. Am Ende kommt es zum Aufstieg eines Diktators, entweder durch Putsch oder durch Wahl. (Und das Volk jubelt dem neuen Diktator zu, obwohl dieser deutlich schlimmer ist, als alles vorher gewesene.) Der neue Diktator startet mit einer aggressiven Militarisierung und einem Eroberungsfeldzug gegen andere Länder. Der  Diktator (oder seine Erben) wird irgendwann  gestürzt und es entsteht wieder irgendwann eine Demokratie, womit aber nur der Kreislauf wieder von Neuem beginnt. Sprengler nannte als Beispiele unter Anderem Cäsar, Augustus und Napoleon (die vor dem Release von Episode 3 auch von Lucas als Beispiele genommen wurden. ) und meinte, genau dieses Schema, Ersetzung der Demokratie durch eine Diktatur, Eroberungsfeldzug und neuer Weltkrieg, wäre auch das Schicksal, was die Weimarer Republik bald ereilen würde.  Diesen Weltkrieg würden laut Sprengler aber die USA gewinnen und zur dominierenden kulturellen Macht des Westens werden. (Theodor Adorno kommentierte, dass die Historie und das Schicksal der Weimarer Republik Sprengler eigentlich recht geben würden. Er vermutete aber, das läge am falschen Erziehungssystem in Deutschland und dass das Erziehungssystem Preussens eigentlich die Grundlage für das Entstehen eines solchen Cäsaren bieten würde. )

Es ist mehr als wahrscheinlich, auch angesichts von Lucas eigener Aussagen, dass Sprenglers Idee das Vorbild für die Geschichte von Imperator Palpantine war. Und im Expanded Universe gab es mehrere Vorfälle, wo die Republik fiel und durch Sith Imperien ersetzt wurde. Deshalb scheinen meiner Meinung nach die Bücher dem Untergang des Abendlandes noch stärker zu folgen, als Lucas selbst.

Im Bezug auf Star Wars und Philosophie, man sagt häufig, das Mittelalter begann mit der Gewaltsamen Schließung der  "großen Schule der Philosophen". Manchmal nennt man das Mittelalter auch "das dunkle Zeitalter der Menschheit". In Star Wars begann das dunkle Zeitalter mit Anakins Angriff auf den Jedi Tempel, die "große Schule der Jedi Ritter". Die Parallele fällt schon auf.
« Letzte Änderung: 30.10.14, 15:10 by SSJKamui »

SSJKamui

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« Antwort #9 am: 05.12.14, 22:55 »
Zum Thema Philosophie und Star Trek, neben den großen philosophischen Werken, die hier schon diskutiert wurden, ist hier etwas noch sehr wichtig, um Star Treks Herangehensweise zu verstehen:

The Twilight Zone
Twilight Zone war eine Horror/Science Fiction Serie der 50er Jahre und in gewisser Weise das Akte X der 50er. Nur, hier gab es Einzelepisoden, die nichts miteinander zu tun hatten. Twilight Zones Konzept war, nicht einfach nur Horrorgeschichten vom Monster der Woche zu erzählen, sondern in jeder Folge als moralische und sozialkritische Parabel zu gestalten. In der Struktur der Serie ging es in jeder Folge um ein eigenes moralisches/ philosophisches Problem. (Manche Folgen haben sich auch mit anderen Themen der Philosophie auseinandergesetzt. z.B. "was ist Wahrheit?") (Ironischerweise ähnelt Max Satyr Reihe in der Struktur sehr stark dem damaligen Konzept der Twilight Zone.)

Es wurde auch sehr stark mit Metaphern gearbeitet. (Wie ich schonmal erklärt hatte, "die Ungeheuer von der Ahornstraße" sind keine Aliens oder Terroristen, sondern sind die intoleranten Dorfbewohner. Oder in einer Folge wird ein Mann von untoten Gespenst Adolf Hitler verfolgt und am Ende der Folge sagt der Sprecher, dass der "geist von Adolf Hitler" bis in die Gegenwart hinein wirkt, was man an der Diskriminierung der Schwarzen in den USA sehen könne.)

Einige Episoden sind erschreckend aktuell, z.B. wo ein Dorf durch dreht, wegen eines möglichen Terroranschlages, und deshalb auf Immigranten losgeht, oder eine Geschichte, wo ein weißer Polizist einen Schwarzen unrechtmäßig angreift, aber am Ende der Schwarze bestraft wird, weil er sich wehrt, und der eigentliche Täter komplett davon kommt. (Ferguson lässt grüßen.)

Twilight Zone war extrem Einflussreich. Unter Anderem auf Steven Spielberg und George Lucas (einige "böse Aliens" aus Twilight Zone hat George Lucas übernommen und zu Mitgliedern von Jabbas Big Band gemacht.) JMS hatte bei Babylon 5 einen ehemaligen Autoren von Twilight Zone darum gebeten, eine Fortsetzung einer Twilight Zone Episode drehen zu dürfen. Das wurde aber nie realisiert. JMS wollte auch im Twilight Zone Stil eine Fortsetzung mit Nebengeschichten von Babylon 5 drehen. Daraus wurde dann "The Lost Tales". Auf Akte X war Twilight Zone ebenfalls ein Einfluss. (Und Akte X hatte in subtilerer Form ebenfalls eine Vermischung von Horror und Philosophie. Ich nenne hier nur mal die Folge "Sein und Zeit", oder die Folge "Amor Fati". Der Philosoph Sartre hatte auch geschrieben, dass die Mehrheit der Leute davon ausgeht, die Essenz kommt vor der Existenz. Bei Akte X gibt es einen Zweiteiler, wo die erste Folge Essenz und die Fortsetzung Existenz heißt. Die Serie Lost kann man hier ebenfalls in die Reihe packen mit den Abstürzenden Rousseau, John Locke, (Deckname Jeremy Bentham), David Hume, Mikhail Bakunin, Edmund Burke etc. http://lostpedia.wikia.com/wiki/Philosophers

Die Simpsons Halloween Episoden sind in der Struktur ebenfalls eine Karikatur der Twilight Zone.

(Und bei meinem Dimensional Prophecy of Zohar Film ist auch unschwer zu erkennen, dass Twilight Zone eines der Vorbilder war.)

Star Trek hat sowohl Teile der Erzählstruktur übernommen (der Planet der Woche mit dem moralischen Dilemma), als auch Schauspieler (William Shatner war vorher bei der Twilight Zone), als auch einige Requisiten.

Der Unterschied zur Twilight Zone ist derjenige, bei Star Trek geht es in der Regel gut aus. Twilight Zone hatte im Gegensatz dazu meistens einen extrem fiesen Plot Twist am Ende (Ein Mann überlebt z.B. einen atomaren Krieg und ist froh, dass er endlich ohne andere Menschen zeit hat, in der großen Stadtbibliothek alles zu lesen. Doch dann fällt seine Brille hinunter und weil alle anderen Menschen tod sind, gibt es keinen, der die Brille reparieren kann. Also ist dieser Mensch nicht mehr in der Lage, auch nur ein einziges Buch zu lesen. Im Remake gab es auch einige Episoden in der Richtung. z.B. eine, wo ein Musiker Halluzinationen hat, dass er wegen seiner Hautfarbe von rassistischen Polizisten todgeprügelt wird. Er geht deshalb zu einem Psychiarter, der ihm ein Medikament gibt, dass ihn die Wirklichkeit sehen lässt. Dadurch stellt sich aber heraus, er war gar kein Musiker, sondern in Wirklichkeit ist er der Schwarze, der gerade tod geprügelt wird.) Star Trek hat es eher so gemacht, dass die Enterprise das Problem in der Mehrheit der Fälle lösen kann, und es gut ausgeht. (Mit Ausnahmen, wie z.B. "Bele jagt Lokai")



Forbidden Planet/Alarm im Weltall
Dieser Science Fiction Film war ebenfalls ein immens großer Einfluss auf die Erzählstruktur Star Treks, gerade wenn es um das Thema Philosophie geht. Wenn man den Film guckt, wirkt der direkt schon wie eine verlorene TOS Episode. (Der Einfluss auf Star Wars ist aber auch zu erkennen.) Dies ist ein Film, wo ein Wissenschaftsteam auf einen fremden Planeten kommt und ein Rätsel lösen muss. Es kommt heraus, das Rätsel hat etwas mit der Kommunikation von Bewusstsein und Unterbewusstsein zu tun und mit menschlichen Hemmschwellen, die von einem alten technologischen Artefakt ignoriert werden. (Wenn irgendwo im TV Neurologen oder Psychologen von ihren lieblings Sci Fi Filmen erzählen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Film unter den Filmen ist, die erwähnt werden. Es gab z.B. mal auf Vox um 0 Uhr eine Doku, wo Neurologen an Hand dieses Films erklärt haben, wie der menschliche Wille im Gehirn entsteht und dass man unter dem Willen eigentlich etwas Anderes verstehen müsste, als das, was man gemeinhin darunter versteht.)

Forbidden Planet ist kein extrem naturwissenschaftlicher Film wie 2001, Andromeda, tödlicher Staub aus dem All, Solaris etc. sondern eher auf Abenteuer ausgelegt. Die Crew verhält sich auch eher wie Archäologen. Der Film kann aber als der Erste dieser Reihe angesehen werden, und er wurde in der Presse hochgelobt, weil so endlich ein Sci Fi Film ein intelligentes Thema hätte und sich nicht nur auf böse Russen konzentrieren würde.

Obwohl hier kein moralisches Problem beschrieben wird, sondern eines der Philosophie des Geistes, ist der Film der Ursprung der typischen moralischen Erzählstruktur Star Treks: Forscher kommen wegen Notfall auf fremden Planeten, kommen in Kontakt mit Problem, erfahren die philosophischen Hintergründe des Problems und können das Problem dann mehr oder weniger lösen.

SSJKamui

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Antw:"Die Moral von der Geschicht..."
« Antwort #10 am: 31.01.16, 14:47 »
Weil ich denke, das könnte besonders Belar nutzen, eine kleine Einführung in Theorien zur Geschichte:  (Das kann z.B. für Zeitreisen oder zur Konstruktion von Alienvölkern gut eingesetzt werden.)

1. Wer bestimmt den Verlauf der Geschichte?
Da gibt es 2 konkurrierende Theorien:

- Die Theorie der großen Männer
Dies ist die einleuchtendere Variante. Diese sagt, die Geschichte wird von einzelnen Personen bestimmt, welche eine (gute oder weniger gute) Idee hatten und damit andere Leute von etwas überzeugen. Beispielsweise hat Karl Marx für den Kommunismus gesorgt, Locke, Voltaire Montesqieu etc. für die französische Revolution etc. Hätte es diese Leute nicht gegeben, währen die geschichtlichen Ereignisse nicht eingetreten.

Nach dieser Theorie könnten beispielsweise Zeitreisende, die in Braunau am Inn Hitler töten, damit den zweiten Weltkrieg verhindern. (Oder der 2. Weltkrieg wäre dann nicht von Hitler, sondern von Stalin ausgegangen, aber in Deutschland hätte es keine Nazis gegeben.)

Leute, die an diese Idee glaubten waren Thomas Carlyle, Friedrich Nietzsche, Oswald Sprengler, Joseph Campbell, Sören Kierkegaard und in der Gegenwart der russische Philosoph Alexander Geljewitch Dugin. Nietzsche sagte dazu sinngemäß: "Geschichte wird nicht von Mitläufern geschrieben".

Laut Dugin sei ein freier Mensch auch einer, der den Lauf der Geschichte ändern könnte, anstatt der Geschichte zu folgen. In eine ähnliche Richtung tendiert Joseph Campbell, der meint, dass solche Personen meistens die Grundlage für Heldensagen gegeben haben.



- Theorie der Volksgeister
Die Gegentheorie ist die, dass Ideen und Trends quasi in der Luft liegen und die einzelnen Personen wie Marx etc. in Wahrheit nur die Vollstrecker der Konzepte seien, die irgendwie schon in der Luft liegen. Und große Männer seien nur deshalb große Männer, weil sie von ihrem Umfeld geprägt wurden. Ohne die Prägung durch das Umfeld wären sie keine großen Männer geworden.

Ein Beispiel dafür wäre die Entstehung der Science Fiction. Jules Verne, Mary Shelley, Edgar Rice Burroughs etc. haben unabhängig voneinander die Ideen entwickelt, die dann zur Entstehung der Science Fiction führten. Und auch neben Karl Marx gab es andere Autoren, die unabhängig voneinander kommunistische Ideen entwickelt hätten.

Und Individuen könnten, selbst wenn sie gegen Entwicklungen arbeiten, diesen Entwicklungen sogar helfen. ("List der Vernunft")

Die Implikation davon wäre, dass es keine Auswirkungen auf die Politik gehabt hätte, wenn Zeitreisende Hitler töten würden. Die würden, wenn sie in die Gegenwart reisen, feststellen, dass eine andere Person Hitlers Platz eingenommen hätte und exakt das Selbe getan hätte, wie Hitler.

Sehr viele Demokraten vertreten die Theorie der Volksgeister.

(Anmerkung: Durch sowas könnte man gut in Zeitreisegeschichten Zeitparadoxien erklären. Und man könnte damit als Autor einige böse Überraschungen anstellen.)




2. Wie verläuft die Geschichte

- Fortschritt:
Das ist die Idee, Früher war alles schlechter, wir haben es jetzt besser als Früher. Und Morgen wird es noch besser sein als Heute. Laut Kant wird der Lauf der Geschichte wesentlich durch das Dilemma zwischen Wunsch nach Gemeinschaft und Wunsch nach dem Allein sein (wie bei Schopenhauer: Je näher 2 Menschen kommen, desto mehr können sie sich weh tun, aber der Mensch empfindet auch Schmerzen, wenn er allein ist. Wer Neon Genesis Evangelion oder meine Serie guckte, kennt den Spruch.) Dieses Dilemma würde laut Kant durch eine Verbreitung rechtstaatlicher Prinzipien immer mehr gelöst. Gleichzeitig würde es zu immer mehr Welthandel kommen, weshalb Kriege immer mehr potenzielle Kunden töten können und so dem Marktteilnehmer direkt schaden. Deshalb würde ein Weltmarkt die Welt auch immer Friedlicher machen, bis irgendwann ein ewiger Frieden erreicht sei. (Den Begriff müssten hier einige von mir kennen.)

Also ist der freie Markt laut Immanuel Kant essentiell, um den Weltfrieden zu erreichen. Ohne freien Weltmarkt und Globalisierung würde kein Frieden möglich sein.

Auguste Comte sieht den Fortschritt eher im Bereich der technischen Entwicklung. Damit sei ein Bewusstseinswandel zu mehr rationalem Denken im Gange. Die Menschheit würde sich Parallel zur geistigen Entwicklung eines einzelnen Menschen entwickeln. Der erste Schritt sei eine animistische/schamanistische Vorstellung, dass die Welt belebt sei und überall Naturgeister leben würden, welche der Mensch gnädig stimmen müsste. Diese Naturgeister hätten sich abstrahiert zu religiösen Vorstellungen. Die Mündung dieser Entwicklung sei die Einteilung in Welt und einzelnen Schöpfergott. Und von dieser Religion her würde sich der Mensch dann wegentwickeln zur Idee von manipulierbaren Naturgesetzen und einer wissenschaftlichen Zivilisation.

Laut Hegel sei die Geschichte eine Geschichte der Ideen. Idee A würde gegen Idee B stehen und beide würden an der Realität ausprobiert werden, weshalb dann eine Idee beibehalten wird, oder beide Ideen kombiniert werden, zu einem Ganzen.

Dugin tendiert stellenweise in eine ähnliche Richtung wie Hegel. Bei ihm sind es aber 2 Ideen, die die ganze Zeit im Wettstreit standen: Die Idee, die Gesellschaft als Händlervolk zu organisieren. (Er nennt als Beispiel Griechen, Phönizier etc. Bei Star Trek wären die Ferengi ein Beispiel und bei Star Wars die Toydarianer.) Oder die Gesellschaft als Kriegervölker zu organisieren (Römer, Germanen, antike Japaner, Russen, Sarrazänen, Mongolen etc. Bei Star Trek offenslichtlich die Klingonen und bei Star Wars offensichtlich die Mandalorianer.)

Es gäbe de Facto eigentlich nur Händler oder Krieger und nichts Anderes. Händlervölker seien kleinere Völker gewesen, die ihren Rohstoffbedarf nicht allein erfüllen könnten und keine große Streitmacht gehabt hätten, weshalb sie mit den Nachbarn hätten Handel treiben müssen. Händlervölker sind eher konkurrenten untereinander, materialistischer, aber wegen dem friedlichen Kontakt mit anderen Völkern auch offener und toleranter. (Wenn man einem fremden Händler sagen würde, seine Lebensweise sei komplett dämlich, würde er keinen Handel mehr treiben.)

Kriegervölker lebten meistens auf einer größeren aber kargen Fläche. Diese hätten, um Ertrag zu erzielen, stärker zusammen arbeiten müssen. Deshalb seien Kriegervölker auch autoritärer und undemokratischer. Händler werden schneller Gefallen an der Demokratie finden, als Krieger. Krieger wären auch eher auf Tradition, Werte, Familie und Zusammenhalt bedacht, als darauf, untereinander in Konkurrenz zu treten. Händler würden schneller neue Entwicklungen akzeptieren, weil diese da neue Einnahmequellen sehen würden. Der typische Wert eines Kriegers sei die Ehre und die Tapferkeit

Diese beiden Grundtypen des menschlichen Zusammenlebens lägen laut Dugin seit Menschengedenken im Klinsch  und dieser Konflikt hätte die Weltgeschichte erzeugt. 

Laut Dugin hätte dies allerdings auch einen Nebeneffekt. Man könne laut ihm nicht mit Krieg die Demokratie in ferne Länder exportieren, wie es Bush versuchte, da bei Kriegervölkern die Demokratie meistens nicht funktionieren würde, sondern eher zu Chaos und Bürgerkrieg führen würde.

Nietzsche war der Meinung, der einzige Fortschritt sei in der Anhäufung von Wissen und darin, dass man heute in der Lage sei, nachzulesen, was Leute früher gedacht hätten, und dies weiter zu entwickeln. Er nannte dies die "Republik der Genialen". (Also könnte man ein Volk am Besten zurück in die Steinzeit versetzen, wenn man seine Bibliotheken niederbrennt. Walter M. Millers Buch "Lobgesang auf Leibowitz" behandelt auch sowas in der Art, genau so wie die Babylon 5 Folge "in 100 Jahren, in 1000 Jahren".)

Karl Marx war der Meinung, essenziell sei die Geschichte ein Kampf zwischen ausbeuterischer Oberschicht und ausgebeuteter Unterschicht und mit jedem Schritt der Gesellschaft gibt es weniger Ausbeuter.


- Das Endziel der Geschichte
Aus dem Gedanken an einen Fortschritt impliziert sich auch die Frage nach einem Ziel des Fortschritts. Da aber eine Anmerkung: Dies ist eine Theorie, die implizit sehr religiös ist und wahrscheinlich auf der Offenbarung des Johannes basiert.

Hegel, Francis Fukuyama etc. gehen davon aus, das Ende der Geschichte bedeute die Verbreitung der Demokratie auf der Welt. Wenn alle Welt Demokratisch sei, dann sei das Ende der Geschichte erreicht. Deshalb müsste man die Demokratie auch durch Krieg verbreiten. (Die These hat George Bush massgeblich beeinflusst.) Bei Karl Marx ist das Ende der Geschichte die kommunistische Weltrevolution und das Absterben des Staates, damit alles wieder auf den friedlichen Urzustand zurück ginge.

Laut Teilhard de Chardin bestünde das Endziel der Geschichte darin, dass sich intelligente Völker zu einer Superintelligenz entwickeln. (Siehe dazu Perry Rhodan, Childhoods End, Neon Genesis Evangelion etc. Die Frage ist, ob die borg das ebenfalls seien.)

Ray Kurzweil beschreibt das Endziel der menschlichen Geschichte darin, einen Computer zu bauen, der besser denken könne, als ein Mensch. (Grundlage dafür ist das Van Neumannsche Gesetz, nachdem sich alle 2 Jahre die Zahl der verbauten Transistoren verdoppelt.) Ab dann würde die Geschichte der Maschinen beginnen, da diese dann einen noch besseren Computer bauen könnten und so dem Menschen überlegen werden könnten. Dies würde dann am Ende zu einer technischen Variante von Chardins Superintelligenz führen.

Prominente Gegner der Theorie vom Ende der Geschichte waren unter Anderem die Autoren von Star Trek 6. Deshalb hat Kirk auch zu einem Sternenflottenverschwörer gesagt: "Manche Leute halten dies für das Ende der Geschichte, aber die Geschichte fängt gerade erst an." Das war eine versteckte Anspielung auf solche Theorien.

Laut einigen Leuten wie Hans Hermann Hoppe oder Alexander Dugin sei Fukuyamas Ende der Geschichte nur der Zenit des Westens gewesen. 1989 hätte der Westen den Kommunismus besiegt und wäre als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen und sei seitdem im Zerfall. Man würde eigene Werte wie Menschenrechte nur als Kriegspropaganda nutzen und es würde zu immer mehr Wirtschaftskrisen kommen, welche den Westen zerstören würden. Gleichzeitig würden die BRICS Staaten wachsen.

Laut dem Autor Dimitrious Kisoudis liegt das auch daran, dass der Westen während des Kampfes der Ideologien Fehler in der Geld- und Wirtschaftspolitik gemacht hätte und nachdem er den Kampf der Ideologien gewonnen hätte, würde der Westen von allen alten Fehlern eingeholt und zerstört werden. Insbesondere seien hier Staatsschulden zu nennen, die man während des 20. Jahrhunderts massiv aufgehäuft hätte. (Und Probleme mit dem Geldsystem und der mangelnden Deckung der Währung.)


- Rückschritt
Dies ist eine Sicht, die davon ausgeht, Früher war alles besser, und die Welt befinde sich im Zerfall. Die Leute werden immer unmoralischer, unfreier etc. Entweder war die Welt schon immer im Zerfall, oder erst seit der Französischen Revolution etc.

Ein prominenter Theoretiker dieser Denkrichtung war Julius Evola. Dieser glaubte, der Mensch würde immer profaner und unmoralischer werden. Institutionen wie die Ehe etc. würden langsam zu Grunde gehen. Die Menschen würden immer Profaner (z.B. war im Mittelalter die Ehe als heiliger Bund definiert, während Kant im 18. Jahrhundert die Ehe als "Vertrag zur wechselseitigen Nutzung der Geschlechtsteile" definierte) nur noch ihre vulgären Bedürfnisse befriedigen wollen, aber nicht mehr nach der geistigen Vervolkommnung streben und weil die Leute immer unmoralischer würden, würde es immer mehr Gesetze geben. (Ein moralischer Mensch würde auch niemanden umbringen, wenn Mord erlaubt sei, und nur ein unmoralischer Mensch braucht weltliche Strafandrohung, damit er niemandem Gewalt antut.)

Gleichzeitig würde laut Evola alle anderen Kategorien zerstört werden und es würde ein "Führer und Volk" Denken übrig bleiben, was politisch gefährlich sei und am Ende im Stalinismus (und Vergleichbarem) münden würde.

Nietzsche meinte, die Aufklärung hätte einen Doppelcharakter gehabt. Sie könne deshalb den Menschen in die Freiheit führen, oder in die Barbarei.

Diesen Gedanken entwickelten Theodor Adorno und Max Horkheimer weiter und sahen neben der Befreiung von schlechten Traditionen das Problem, dass seitdem die Menschen von einer instrumentalen Vernunft befallen seien, wo alles nur noch nach Nützlichkeit, Effizienz etc. bewertet werden würde. Aus diesem hätte sich auch der Totalitarismus entwickelt, als kalte, auf effizienz gebügelte Vernichtungsmaschine. Man würde gleichzeitig die Menschheit durch Werbung etc. einlullen, damit sie nicht merken, in was für einer Gesellschaft sie eigentlich leben. (Und Werbung könnte den Menschen selbst die abartigste neue Entwicklung schmackhaft machen.)

Heidegger tendierte in eine ähnliche Richtung wie Adorno und glaubte auch, der Mensch würde zu kaltem Effizienzdenken verkommen und deshalb würden immer mehr Menschen in einer Art Soziokybernetischen Maschine gefangen sein, in der sie nur noch existieren, um das System am Laufen zu halten. (Wie Ernst Jünger sagte, man gaukelt dem Arbeiter die totale Kontrolle vor, während man ihm gleichzeitig die Kontrolle komplett entzogen hätte.) Dies würde de Facto bedeuten, dass die Menschen über die Maschinen triumphieren und die endgültige Katastrophe sei gekommen, wenn Gentechnologie und KI entwickelt würden und die Maschinen einen Weg finden würden, eine Energiequelle unabhängig vom menschlichen Einfluss zu kontrollieren. (Was dann passieren würde, kann sich hier jeder, der Terminator, Matrix etc. geguckt hat, gut vorstellen. )

Dugin hat eine ähnliche Vorstellung wie Heidegger. Der sieht aber Implantate, plastische Chirurgie etc. als Vorstufe zur Herrschaft der Maschinen und sieht deshalb solche Entwicklungen und auch geschlechtsangleichende Operationen mehr als negativ.

Der Unabomber Theodore Kaczinsky tendierte ebenfalls in eine ähnliche Richtung.

Eine Art von Verfallstheorie hatte auch Ludwig von Mises. Der meinte, ein staatlicher Eingriff in die Wirtschaft würde ein sensibles Gleichgewicht durcheinander bringen, weshalb aus einem Eingriff dann mehr Eingriffe erwachsen, weshalb am Ende der Staat immer mächtiger und der Bürger immer unfreier würde. (Beispielsweise würde bei einer Mietpreisbremse es für Firmen unattraktiver, Wohnungen zu bauen, weshalb eine Knappheit an Wohnraum entsteht, weshalb der Staat den Bau von Wohnungen fördern müsse, was weitere Schäden anrichten würde.)



- Es gibt keine gesellschaftliche Entwicklung
Einige Philosophen gehen davon aus, dass es keine gesellschaftliche Entwicklung gibt und sich nur die Begriffe ändern würden. Beispielsweise würde es heute immer noch Sklaverei geben, weil sowas wie ein Euro Jobs auch nichts Anderes als Sklaverei sei.



- Zyklische Theorien
Es gibt einige Leute, die davon ausgehen, dass die Geschichte zyklisch verläuft mit einer Höherentwicklung, einem Verfall, einer Katastrophe und danach wieder einer Höherentwicklung.

Bei Gundam Wing wurde dies zusammengefasst als : "Die Weltgeschichte ist ein endloser Walzer bestehend aus Krieg, Frieden und Revolution"

Die einfachste Form ist hierbei der Kondratiev Zyklus. Der geht davon aus, mit einer neuen Erfindung wächst die Wirtschaft, irgendwann hat das Wachstum seinen Zenit überschritten und es kommt zu einer Krise, die erst durch eine neue Erfindung beendet wird. Laut John Maynard Keynes müssen sich Staaten darauf vorbereiten und in "fetten Jahren" mehr Steuern einnehmen und in Krisen durch Konjunkturprogramme intervenieren, um deren Auswirkungen abzuschwächen. Dies solle man auch mit neuer Staatsverschuldung machen. (Diese Idee Keynes wurde kräftig missbraucht vom Westen. Siehe Griechenland.)

Die österreichische Schule der Nationalökonomie meint, diese Zyklen werden erst durch das Eingreifen der Regierung verursacht.

Schon in der Antike gab es die Idee, dass Staatsformen in einem Kreislauf sind. Aus einer Diktatur entwickelt sich eine Monarchie. Diese wird in einer Revolution gestürzt, woraus sich eine Demokratie entwickelt. Diese korrumpiert und wird zu einer Pöbelherrschaft/"Tyrannei der Mehrheit" mit einem Rückfall in die Barbarei. Das Land würde dann wieder durch einen Diktator geeint, der zu einem Monarchen werden würde.

Im alten Rom meinte man, man könnte dies aufhalten, durch eine Republik als Kombination der Formen. In einer Republik gibt es eine Oligarchie, die demokratisch vom Volk gewählt wird, an deren Spitze ein Alleinherrscher als Repräsentant des Staates sitzt.

Oswald Sprengler meinte, solche demokratischen Republiken seien davor nicht gefeit. Dort würde die Wirtschaft immer unmoralischer werden und die Leute ausbeuten. Die Politiker würden immer korrupter werden und die Bevölkerung würde immer Ärmer. Dies würde ein politisches Chaos mit mangelnder Handlungsfähigkeit der Regierung hervorrufen. An dessen Ende würde das Volk einen Diktator an die Macht wählen, welcher die Demokratie beseitigt. Danach würde der Diktator andere Länder überfallen, einen riesigen Krieg vom Zaun brechen und entweder den Staat neu beleben oder endgültig vernichten. (Siehe Napoleon, Hitler, Stalin, Putin, ISIS etc. Die Liste ist Endlos. In Fiktion fällt hier vor Allem der Name Palpantine ein. )

Adorno meinte, Sprengler sei da hellsichtig gewesen. Auch, weil der das lange vor dem Jahr 1933 verfasste und meinte, der nächste Staat, den das treffen würde, sei die weimarer Republik. Adorno meinte, dieser Zyklus würde von Problemen in der Kindererziehung verursacht. (Stichwort "Autoritäre Persönlichkeit".)

Lloyd de Mause geht von ähnlichen Gedanken wie Adorno und Sprengler aus und meint, dieser Cäsarismus (also Hitler etc.) sei vom inneren psychischen Verlangen des Volkes ausgelöst, sich an anderen Völkern für erlittene Traumata zu rächen und sich einen Sündenbock zu suchen, den sie ungestraft "quälen" könnten.

 

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