Autor Thema: Die Schlucht  (Gelesen 1891 mal)

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Max

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Die Schlucht
« am: 26.08.12, 13:46 »
Hier mal wieder eine klassische Science Fiction-Story:




Leseprobe:

»Wenn es hier draußen im All eine Regel geben muss, dann doch die, dass man niemanden zurückläßt«, rief Valier. Er war entsetzt und hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Niemand außer ihm kannte den Grund für diesen Ausfall, alle bis auf einen Anwesenden sahen bloß konsterniert zu; die Ausnahme bildete Valiers Vorgesetzter Clennan, dessen Blick diesen Mann, der es wagte, ihn anzuschreien, fixierte, während sich bei ihm selbst Hass aufstaute. Valier schlug mit der Hand auf die Tischplatte, unablässig auf Clennan einredend. »Wir werden sie doch nicht dort zurücklassen. Ich werde Ihnen jetzt eine Frage stellen und wenn die Antwort nicht ›Ja‹ lautet, war es das für mich, dann können Sie mich aus allen zukünftigen Plänen streichen. Also: Werden Sie ein Rettungsschiff starten?«
»Raus hier«, sagte Clennan nur scheinbar ruhig, schon den nächsten Satz brüllte er Valier entgegen. »Raus hier. Ich möchte Sie in meinem Büro nie wieder sehen. Wer es wagt, mir gegenüber solche Worte anzuschlagen, soll mir nicht mit Drohungen kommen; der kann gleich seine Sachen packen.«
»Das wird Folgen haben«, drohte Valier vage ins Nichts. Er wandte sich um und versuchte alle Kraft daran zu setzen, gefasst den Raum zu verlassen, doch er hatte sich gerade umgedreht, da richtete sich sein ganzer Zorn und sein Entsetzen in sein Inneres und der Körper bebte, die zu Fäusten geballten Hände zitterten. Er fühlte sich dadurch wie ertappt, denn er glaubte, diese Regung könne den anderen nie und nimmer verborgen bleiben. Er empfand es als Befreiung, als er endlich die Türe des Büros hinter sich zuschlagen konnte und auf dem leeren Gang stand: Er begriff, was er nun zu tun hatte.
Clennan schnaufte noch Sekunden nach Valiers Abgang. Er wusste nicht, was er nun sagen sollte und auch die anderen, Astronauten und Raumingenieure wie Valier oder Verwaltungskräfte wie Clennan, schwiegen. Weder Valier noch Clennan kannten sie auf diese Weise und so waren sie ob der eben erlebten Szene schockiert, gerade so, als hätten sie sich geirrt und müssten jeden Moment in ein Lachen ausbrechen und sich auf die Schultern klopfen, wenn sie diesen Vorfall nur endlich als Tagtraum identifiziert hätten. Doch die Realität sah anders aus und nach der ersten Starre würde ihnen bewusst werden, was hier passiert war und in ihrer aller Überlegungen würden Gedanken als Stellvertreter Clennans und Valiers miteinander ringen und streiten. Beide Positionen waren auch verständlich. Der Moment, an dem Tinas Absturz zur Gewissheit geworden war, war für alle furchtbar gewesen und es konnte keinen Zweifel geben, dass das auch Clennan miteinschloss. Aber das erste Problem war bereits mit der Meldung aufgetaucht, das zweite war bald hinzugekommen. Zum einen war da das zeitliche Fenster. Tinas Verschwinden war zu spät begriffen worden, denn dass sie mit ihrer Fähre nicht an den Langstreckentransporter angedockt hatte, erfuhr die Basis nicht mit dem ersten Standardsignal, sondern erst, als der Transporter selbst ins Nichts des Alls trudelte. Durch den ausbleibenden Impuls und die fehlende Masse der Fähre waren seine Manöver – etwa das Schwungholen an Himmelskörpern zur Geschwindigkeitserhöhung – falsch abgelaufen. Erst zweiundzwanzig Tage nach dem Vorfall hatte die nächste Basis den Transporter in ihre Radarreichweite bekommen, seinen falschen Kurs identifiziert und in Bezug auf Tina die richtigen Schlüsse gezogen und sie Clennans Basis mitgeteilt. So hatten sie schon viel Zeit für eine Rettungsoperation verloren. Die Lebensmittel an Bord der Fähre waren, das Problem war lange schon bekannt, unterdimensioniert. Um die Luft- und teilweise auch Energieversorgung stand es kaum besser, schlicht und ergreifend deswegen, weil die Fähren der Basis nur dazu vorgesehen waren, vom Planetoiden aufzusteigen und im Orbit oder in naher Umgebung, wie bei der Mission Tinas der Fall, an Vehikel anzudocken, die in allen Belangen die Mängel wettmachen würden. So musste man zum Zeitpunkt der Meldung bereits die größten Zweifel haben, ob Tina noch am Leben war. Durch eine Zufälligkeit war es gelungen, das Schicksal der Fähre schnell aufzuklären. Da das All gigantisch ist, die Mittel der Basis aber bescheiden waren, hatte man zunächst nur untätig herumsitzen müssen und das Personal – sie alle kannten Tina als Kollegin und Freundin, aber niemand so wie Valier – sah sich nun nur einem Schwall an Gefühlen konfrontiert, bis der Drang zu handeln unerträglich wurde. Der Zufall kam zuhilfe. Das Logbuch des unglückseligen Langstreckentransporters gab erstaunlicher Weise nichts her, aber ein Nachrichtensatellit war so umprogrammierbar, dass er ein breites Feld an Energiemustern auffangen und auch orten konnte. Auf der Grafik war es nicht mehr als ein kleiner Zacken, aber er tauchte an einer Stelle auf, wo es ihn nicht hätte geben dürfen, nämlich auf der Oberfläche eines toten Mondes. Simulation nach Simulation lief durch die Computer der Basis und sie lieferten eine überzeugende Prozentzahl an Ergebnis, wonach die Fähre wirklich so von ihrem Kurs abgekommen sein konnte, dass sie auf dem Mond abgestürzt war. Erneut war man an einen Punkt großer Verzweiflung angelangt, denn in die zerrende Freude, Tinas Aufenthaltsort wohl gefunden zu haben, mischte sich in die Gedanken der Experten die sofortige Erkenntnis, sie von dort nicht retten zu können. Zu weit befand sich der Mond nämlich außerhalb der Reichweite der Basis, denn nichts außer den für so einen Einsatz ungeeigneten Fähren stand ihr zur Verfügung. Damit war festzuhalten, dass sie Tina nicht erreichen konnten und sie, so sie die Fähre denn nicht zerschmettert auf einer Ebene des Mondes doch fänden, nur die Leiche Tinas würden bergen können. Und doch, so würden die Anwesenden im Clennans Büro eingestehen, hatte Valier eigentlich recht: Hier im All musste man sich auf den anderen verlassen, hier durfte man eine oder einen von ihnen nicht zurücklassen. Wanderten die Blicke der Leute dann durch den kleinen Raum über die ratlosen Mienen der anderen und fielen sie schließlich auf die inzwischen leer gewordenen Augen Clennans, so wurde klar, dass sie keine Optionen hatten. Beinahe wirkte es schon tröstlich, zu wissen, dass Valier die Basis nicht einfach so verlassen konnte, weil er auf den nächsten Langstreckentransporter zu warten hatte, der automatisch und turnusgemäß in siebenunddreißig Tagen im Orbit auftauchen würde. Die Gemüter hatten Zeit, sich abzukühlen, und Clennan würde sich auf die ein oder andere Weise entschuldigen und Valier würde einen Weg finden, zur Professionalität zurückzukehren. Jeder Fall war anders, aber letztlich würde Tina zu einem der Verluste erklärt werden, wie sie die Raumfahrt auch in diesen letzten Tagen des einundzwanzigsten Jahrhunderts kannte. Dass es anders kommen konnte, war für sie undenkbar.

Fleetadmiral J.J. Belar

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Antw:Die Schlucht
« Antwort #1 am: 26.08.12, 15:30 »
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Antw:Die Schlucht
« Antwort #2 am: 26.08.12, 15:33 »
Danke schön, Belar :)

Fleetadmiral J.J. Belar

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Antw:Die Schlucht
« Antwort #3 am: 26.08.12, 15:39 »
Gerngeschehen.
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Antw:Die Schlucht
« Antwort #4 am: 20.12.14, 17:38 »
Als ich vor ein paar Tagen etwas anderes in meinen Ordnern gesucht habe, bin ich über eine PDF-Datei Namens "Die Schlucht" gestolpert und war etwas verdutzt: ich konnte mich weder daran erinnern, dass du eine solche Geschichte im Angebot hattest, noch, das ich sie je runtergeladen hatte. Aber so hatte ich wenigstens noch mal etwas älteres von dir zu lesen, und wurde auch nicht enttäuscht. Zunächst einmal fand ich das Szenario wieder sehr schön. Kein Star Trek, dafür "klassische" Raumfahrt in einem eigenen Universum, in dem die Menschheit wohl schon etwas weiter vorgedrungen ist. Ich finde es immer schön, wenn du Geschichten zu eigens erdachten Universen beschreibst. Das ganze ließ sich dann auch wieder gewohnt schön lesen. Die halsbrecherische (henh) Rettungsmission war detailliert und routiniert gut beschrieben, der Hauptcharakter glaubhaft und seine (teils depperten) Handlungen trotz allem nachvollziehbar. Die titelgebende Schlucht wird mit dem konsequenten Ende der Geschichte dann sogar noch zur sprichwörtlichen Metapher, was ich besonders gelungen fand.

Noch spannender als das finde ich aber die kleineren Rätsel, die es in die Kurzgeschichte geschafft haben. Es stellt sich natürlich die Frage, warum Tina überhaupt vom Kurs abgekommen und abgestürzt ist. Und... warum das Seil baumelte. Ich hatte fast erwartet, dass Valier am Ende sein Raumschiff starten sieht, was noch mal für zusätzliches Mysterie gesorgt hätte. Entweder hätte dann Tina in der Rakete gesessen, was irgendwo schon wieder sehr romantisch, wenn auch gleichzeitig tragsich gewesen wäre, oder... da war etwas anderes in dieser Schlucht.

Hattest du da besondere Absichten?

Auf jeden Fall eine schöne Kurzgeschichte, die ich empfehlen kann. Ein Lob auch für die Gestaltung; der Text ist mal wieder wunderbar lesbar, und auch das (selbstgezeichnete?) Cover finde ich seiner schlichtheit sehr genial und professionell.

 :respect
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Max

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Antw:Die Schlucht
« Antwort #5 am: 21.12.14, 10:46 »
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Danke, dass Du diese Geschichte aus der Schlucht, in die sie selber mit der Zeit gefallen war, gehoben hast :)
Ich weiß noch, dass ich die Geschichte damals ziemlich gemocht habe - aber das ist das Merkwürdige und fast schon etwas Gruselige: Enorm viel weiß ich heute gar nicht mehr über sie; also, okay ;), ich kenne noch die Handlung, aber die hintergründigen Gedanken dazu, bringe ich glaube ich nicht mehr zusammen. Das ist ärgerlich und ich sollte mir sowas auch mal aufschreiben.

Auf jeden Fall war mir wichtig, mal wieder eine ganz klassische Science Fiction-Geschichte zu schreiben. Natürlich gab es auch in ST hin und wieder Folgen, in denen der Weltraum mächtig und groß erschien. "Shuttlepod One" in ENT beispielsweise. Aber die Hilflosigkeit, die die Unendlichkeit manchmal hervorrufen kann, kommt in einem separaten Story-Umfeld einfach viel besser heraus. Eine "reduzierte" Technik wird noch wichtiger und rückt deswegen, obwohl sie nicht so spektakulär ist und man glaubt, sie praktisch zu kennen, noch mehr in den Fokus.

Ich glaube, ich weiß noch, dass ich die Schlucht brauchte, um alles ein wenig auf die Spitze zu treiben. Schon in der normalen Naturen kann so etwsa ein Hinderniss sein, hier bringt sie einem zur Verzweiflung. Wir kennen aus der Sci-Fi wagemutige Rettungsaktionen, die dann am Ende gut gehen und einfach ein großes Abenteuer waren. Ich mag an Figuren wie James Bond - und, ja, letztlich auch an seinem jeweiligen Gegenspieler -, dass er nicht aufgibt, sich in ein Wagnis (auch körperlich) stürtzt und Lösungen quasi erzwingen will. Das ist in "Die Schlucht" eigentlich nicht anders, auch wenn es einen anderen Feind gibt. Wichtig war mir (glaube ich ;)) dann auch die Auseinandersetzung mit dem Scheitern, denn im Gegensatz zu Bond hat der Astronaut ja immer wieder die Zeit, um nachzudenken und dabei immer wieder darauf aufmerksam zu werden, wie verzweifelt die Lage ist.

Das ein oder andere Rätsel - allen voran wirklich die Frage, was mit Tina passiert ist - soll da eigentlich in dieselbe Kerbe schlagen: In dieser Situation - ein kleines Raumschiff in den unendlichen Weiten - ist es auch ein Schock und riesige Frustration, keine Möglichkeit zu haben, Klarheit zu bekommen.

Was Du geschrieben hast, finde ich genial. Ich würde eine Geschichte lieben, in der es zu einer Entdeckung in der Schlucht kommen würde. Das ist das Phantastische, dass ich an der Sci-Fi so schätze. Aber für diese Geschichte hätte es sich wenn ich zurückdenke nicht "richtig" angefühlt, weil da die schlichten Momente (also auch ohne irgendwelche Triumphe und seien sie nur welche der Wissenschaft) im Vordergrund stehen sollte.
Wenn Tina gestartet wäre - da bist Du auf eine grandiose Pointe gekommen! Stimmt, ja, das wäre dann schon sehr romantisch-tragisch gewesen, ich hätte es auch als gruselig empfunden, einfach auch, weil man (also der Protagonist) nichts weiter als das startende Raumschiff gesehen hätte.

Ich bin fast schon beschämt, dass Du sogar das Cover lobst. Ich mag den Entwurf zwar, aber er ist doch auch wiederum recht schlicht; andererseits wollte ich ja auch eine reduzierte Grafik mit dem großen Kontrast zwischen hell und dunkel, wobei es die Schlucht in Anbetracht ihrer Rolle in der Geschichte auch verdient hätte, dunkel zu sein.

Also, noch einmal: Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren :) :) :)

 

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