Autor Thema: Star Trek: Picard (die neue Serie)  (Gelesen 36779 mal)

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SSJKamui

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Antw:Star Trek: Picard (die neue Serie)
« Antwort #375 am: 16.09.21, 13:14 »
Zu dem Begriff Woke: Das ist sehr von Fischers "Kapitalistischem Realismus" geprägt. Quasi man kann nicht mehr außerhalb des bestehenden Systems denken und versucht nur durch marginale Detailverbesserungen irgendwas Positives zu erreichen.  Mark Fisher meint auch, die Leute hätten gar kein richtiges Konzept einer anderen Zukunft, um es mal hart zu sagen. Die heutigen Menschen, insbesondere die Jugend, können sich nur eine endlose Fortsetzung der Gegenwart vorstellen.

Der verknüpft das auch explizit mit dem Verschwinden der Sci Fi Utopie. Und der sagt: Der Witz ist: Alle heutigen Vorstellungen einer schönen Zukunft sind im Kern höchstens Rückgriffe auf die Vergangenheit. Selbst das Thema Star Trek ist de Facto Mitlerweile kein Blick auf die Zukunft sondern einer auf die Vergangenheit.

https://www.amazon.de/Kapitalistischer-Realismus-ohne-Alternative-Fisher/dp/3899654218/ref=asc_df_3899654218/?tag=googshopde-21&linkCode=df0&hvadid=310761473655&hvpos=&hvnetw=g&hvrand=9907203948830076123&hvpone=&hvptwo=&hvqmt=&hvdev=c&hvdvcmdl=&hvlocint=&hvlocphy=9044761&hvtargid=pla-562966156449&psc=1&th=1&psc=1&tag=&ref=&adgrpid=64559329409&hvpone=&hvptwo=&hvadid=310761473655&hvpos=&hvnetw=g&hvrand=9907203948830076123&hvqmt=&hvdev=c&hvdvcmdl=&hvlocint=&hvlocphy=9044761&hvtargid=pla-562966156449

Kirk

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Antw:Star Trek: Picard (die neue Serie)
« Antwort #376 am: 16.09.21, 14:39 »


Achja, noch eine Frage/ Idee: Könnte nicht die Zeitreise-Sache und die weniger aufwendigen Sets Corona geschuldet sein? Also entweder, weil's dann einfacher ist, Kulissen, Props und so weiter vorzubereiten. Oder auch vor dem Hintergrund: Mehr draußen drehen möglich als bei Studioaufnahmen. War aber auch nur ein Gedanke, der mir gerade so kam...

Daran musste ich auch denken, Wenn ne SciFi Serie in die "jetzt Zeit" Reist ist der Verdacht des "Das geld hat nicht gereicht" schon gegeben und ist mir auch gekommen.
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Antw:Star Trek: Picard (die neue Serie)
« Antwort #377 am: 17.09.21, 13:12 »
Ja, das war ja schon immer deine Grundhaltung. Vor ein paar Jahren konnte ich die so recht verstehen. Da fand ich TNG zwar auch irgendwie gut, aber mochte auch, wie das in DS9 zu etwas umgemodelt wurde, das verteidigt werden muss. Inzwischen ist das Verteidigen, Kämpfen, usw. aber so sehr Vordergrund von allem, das wenig gezeigt wird, das verteidigt wird.
Ich glaube, der Punkt, den Du ansprichst, empfinde ich in der Wahrnehmung der Bewertung von vielen von Serien wie DS9 (oder auch DIS) sehr wichtig: Das Argument, es werde eben gezeigt, dass man die Utopie verteidigt und dazu auch zu schmutzigen Mitteln greifen muss, ist nicht unbeliebt. Ich verstehe auch den Ansatz und hatte und habe dennoch große Probleme damit. Es ist wie Du schreibst: Das Dunkle ist so dominiant geworden. Und ich glaube, dass die erwähnte Argumentation oft nur das Deckmäntelchen war, um Action und Brutalitäten zu zeigen bzw. anzuschauen (und gleichzeitig von der Aura des Progressiven und Utopischen zu profitieren, für das ST - ob immer zurecht oder nicht - ja auch steht).
Die Idee, zu zeigen, dass auch eine Utopie verteidigt werden will, ist ja alles andere schlecht. Aber ich hätte mir da eben andere Mittel gewünscht - sozusagen mehr Odo-Gründer-Diplomatie und weniger Sisko-Schmutzeleien. Ich hätte es toll gefunden, wenn ST gerade andere Wege aufgezeigt hätte, aber da sind wir eben wieder bei dem anderen Punkt, dass das ja sozusagen gar nicht im Sinne des Erfinders war, denn man wollte ja gerade Schlachten, Coup d'États etc.

Das hat so überhandgenommen, dass man halt richtig merkt, dass man bei Serien wie Picard gar nicht mehr in der Lage ist, andere Geschichte zu erzählen.
Ich bin mir auch nicht sicher, wie man es serienintern wirklich erklären hätte können, dass sich die Gesellschaft gegenüber TNG so verändert hat. Okay, klar, der Dominion-Krieg, aber das genügt ja nicht, um die sozialen Unterschiede wie Armut etc. zu erklären.

Ich habe die Tage auch in alten Threads noch mal meine FF-Ideen gelesen und war selbst schockiert/ genervt von manchen Pitches. Da waren dann auch deine Ansichten zu dem, was für die Star Trek ausmacht, sehr erhellend, noch mal zu lesen. Heute stimme ich dem mehr denn je zu und das wirkt sich auch darauf aus, was ich gerne sehen/ lesen möchte und was ich schreiben will.
Oh, danke schön  :)

Ich bin in jüngster Zeit einigen Star Trek Fangruppen bei Facebook beigetreten. Und da gibt's häufig einen streit darüber, dass Star Trek zu politisch geworden sei, dass Star Trek nicht "woke" sein solle, etc. Wobei ich da eigentlich nur die Antworten mitbekomme, die betonen, dass Star Trek das immer schon war und die Leute mal zurückschalten sollen.
Na ja, wenn ich so an den ST-Newsletter denke, fällt schon auf, wie aktiv dort entsprechende Themen behandelt werden. Mir kommt das so ein bisschen aufgesetzt vor. Schwer zu beschreiben.



Zu dem Begriff Woke: Das ist sehr von Fischers "Kapitalistischem Realismus" geprägt. Quasi man kann nicht mehr außerhalb des bestehenden Systems denken und versucht nur durch marginale Detailverbesserungen irgendwas Positives zu erreichen.  Mark Fisher meint auch, die Leute hätten gar kein richtiges Konzept einer anderen Zukunft, um es mal hart zu sagen. Die heutigen Menschen, insbesondere die Jugend, können sich nur eine endlose Fortsetzung der Gegenwart vorstellen.
Hmm, ich sehe nicht ganz, wie das in Einklang zu bringen ist: Beim "Woke" geht es ja schon darum, außerhalb eines bestehenden Systems zu denken, das auf durchaus tradierter Ungerechtigkeit in Bezug auf Wahrnehmung von zum Beispiel Hautfarbe oder sexueller Orientierung wurzelt. Aspekte wie nichtbinäre Geschlechtsidentität müssen ja quasi ein neues System einfordern, weil es solche Themen vor fünfzig Jahren oder so nun wirklich so gut wie gar nicht im Diskurs gab. Darüber hinaus ist der Kapitalismus ja dann doch eher eine Wirtschaftsordnung, die nicht alle gesellschaftlichen Faktoren gleich einbezieht, was man schon mal auch daran sieht, dass es im Grunde in den USA wie in China einen Kapitalismus gibt und sich die Lebenswelten doch ziemlich unterscheiden.

Der verknüpft das auch explizit mit dem Verschwinden der Sci Fi Utopie. Und der sagt: Der Witz ist: Alle heutigen Vorstellungen einer schönen Zukunft sind im Kern höchstens Rückgriffe auf die Vergangenheit. Selbst das Thema Star Trek ist de Facto Mitlerweile kein Blick auf die Zukunft sondern einer auf die Vergangenheit.
Interessant. Könntest Du das ein bisschen ausführen?
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Max

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Antw:Star Trek: Picard (die neue Serie)
« Antwort #378 am: 18.09.21, 10:05 »
Zur Frage, ob die Pandemie ausschlaggebend für die Zeitreisen-Story war, ist dieser Teil eines Interviews auf TrekCore interessant:

Zitat
TREKCORE: For Picard, why time travel back to present day Los Angeles? Trek has a long history of bringing characters back to ‘now,’ but was that a COVID decision — to get out of the stages and into ‘fresh air?’

AKIVA GOLDSMAN:
Terry Matalas, my co-showrunner on Season 2, the time travel was his idea.

We were just building the very beginnings of the season; it was me and Michael Chabon, and Terry, and he was like, “Let’s do The Voyage Home — how do we do that kind of thing that we all love with Picard?”

But no, it wasn’t a decision that came from the pandemic — it was, actually, a pre-COVID decision that was actually made very challenging because of the pandemic. Even though we were filming outside, you are still so limited in terms of background extras and what you can do.

Anybody shooting during this period is operating on bubble gum, shoestrings, smoke and mirrors, and the hope that you just get through the day. We took it day by day, because plans didn’t typically… like, if one person was sick, it had the potential to take an entire department down. Safety regulations would change.

It was great to have a job, but it was a challenge.
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SSJKamui

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Antw:Star Trek: Picard (die neue Serie)
« Antwort #379 am: 18.09.21, 10:42 »
Mark Fisher bezieht sich auf den Begriff der sogenannten Hauntologie von Jacques Derrida. Grob ausgedrückt bedeutet Hauntologie, (abgeleitet vom Wort für Spuken, wie bei Gespenst), dass etwas, was nicht mehr da ist, oder nur da sein könnte, reale Auswirkungen auf die Gegenwart hat.

Und da kommt Mark Fisher jetzt auf folgenden Gedanken: Bis in die 80er und 90er hatte jede Dekade eine eigene Vorstellung, wie eine Zukunft und eine Utopie auszusehen hatte. Jules Vernes Ideen, die man heute Steampunk nennt. Die Ästhetik von Star Trek, Jetsons etc. Dann dieses Used Future von Star Wars usw. Dann in den 80ern das eher Gegenwartsnahe Cyberpunk.

Seit 2000 gab es aber einen seltsamen Shift: Alles, was jetzt an Zukunftsvision produziert wird, ist keine "Neue" Idee der Zukunft, sondern immer ein Rückgriff auf die Vergangenheit. Star Trek und Star Wars leben sowieso von ihrer früheren Ästhetik. Aber auch Spiele wie Fallout usw. Und selbst die kritisierte "Apple Zukunfts" Ästhetik ist nur ein Rückgriff auf die Ästhetik von 2001: Odyssey im Weltall. Oder der neuere Trend der Vaporwave: Die Zukunft sieht aus, wie 3D Graphik aus den späten 80ern.

Alles, was heute explizit die Zukunft darstellen soll, stellt also de Facto jetzt eigentlich immer die Vergangenheit dar.  In gewisser Weise ist die mediale Zukunft immer die Vergangenheit jetzt.

Als Erklärung dafür sagt Mark Fisher, dass die Leute nicht mehr in der Lage sind, lange für die Zukunft zu planen. Man will  wegen dem Kapitalismus möglichst schnell Ergebnisse sehen. Deshalb existieren de Facto nur noch die nächsten 2 Jahre als Zukunftsvorstellung. Die nächsten 100 oder 1000 Jahre existieren nicht wirklich in den Köpfen der Menschen. Und deshalb, weil die Leute kein Konzept der Zukunft mehr haben, greifen sie, um die Zukunft darzustellen, immer auf Ideen der Vergangenheit zurück.

Dadurch entsteht quasi auch ein Selbstreferentieller Zirkel. Star Trek wird z.B. keine Serie über die Zukunft, sondern darüber, wie frühere Star Trek Serien sich die Zukunft vorstellten.

Er meint, das wird irgendwann zu einer kreativen Sterilität führen. Sodadd man nur noch eine endlose Fortsetzung der Gegenwart hat.
« Letzte Änderung: 18.09.21, 10:47 by SSJKamui »

TrekMan

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Antw:Star Trek: Picard (die neue Serie)
« Antwort #380 am: 03.10.21, 21:02 »
Mark Fisher bezieht sich auf den Begriff der sogenannten Hauntologie von Jacques Derrida. Grob ausgedrückt bedeutet Hauntologie, (abgeleitet vom Wort für Spuken, wie bei Gespenst), dass etwas, was nicht mehr da ist, oder nur da sein könnte, reale Auswirkungen auf die Gegenwart hat.

Und da kommt Mark Fisher jetzt auf folgenden Gedanken: Bis in die 80er und 90er hatte jede Dekade eine eigene Vorstellung, wie eine Zukunft und eine Utopie auszusehen hatte. Jules Vernes Ideen, die man heute Steampunk nennt. Die Ästhetik von Star Trek, Jetsons etc. Dann dieses Used Future von Star Wars usw. Dann in den 80ern das eher Gegenwartsnahe Cyberpunk.

Seit 2000 gab es aber einen seltsamen Shift: Alles, was jetzt an Zukunftsvision produziert wird, ist keine "Neue" Idee der Zukunft, sondern immer ein Rückgriff auf die Vergangenheit. Star Trek und Star Wars leben sowieso von ihrer früheren Ästhetik. Aber auch Spiele wie Fallout usw. Und selbst die kritisierte "Apple Zukunfts" Ästhetik ist nur ein Rückgriff auf die Ästhetik von 2001: Odyssey im Weltall. Oder der neuere Trend der Vaporwave: Die Zukunft sieht aus, wie 3D Graphik aus den späten 80ern.

Alles, was heute explizit die Zukunft darstellen soll, stellt also de Facto jetzt eigentlich immer die Vergangenheit dar.  In gewisser Weise ist die mediale Zukunft immer die Vergangenheit jetzt.

Als Erklärung dafür sagt Mark Fisher, dass die Leute nicht mehr in der Lage sind, lange für die Zukunft zu planen. Man will  wegen dem Kapitalismus möglichst schnell Ergebnisse sehen. Deshalb existieren de Facto nur noch die nächsten 2 Jahre als Zukunftsvorstellung. Die nächsten 100 oder 1000 Jahre existieren nicht wirklich in den Köpfen der Menschen. Und deshalb, weil die Leute kein Konzept der Zukunft mehr haben, greifen sie, um die Zukunft darzustellen, immer auf Ideen der Vergangenheit zurück.

Dadurch entsteht quasi auch ein Selbstreferentieller Zirkel. Star Trek wird z.B. keine Serie über die Zukunft, sondern darüber, wie frühere Star Trek Serien sich die Zukunft vorstellten.

Er meint, das wird irgendwann zu einer kreativen Sterilität führen. Sodadd man nur noch eine endlose Fortsetzung der Gegenwart hat.

Ja, irgendwie sind die positiven Visionäre in den letzten zwanzig Jahren verloren gegangen.  :O
ich hoffe man bekommt die Kurve bei den neueren ST-Serien. Lower Decks ist zumindest Teilweise ein Anfang, obwohl die Ausrichtung von LOW eher Spaß im Umfeld von ST zu vermitteln und nicht wirklich etwas neues schafft.
Auf die neue Staffel von PIC bin ich gespannt. Q scheint ja mit Picard eine Art Zeitreise in eine Art parallelwelt durch zuführen um ihm aufzuzeigen wie es mit der Menschheit hätte anders laufen können und PIC soll sich für die Zukunft einsetzen. Vieleicht sehen wir da einen Neustart der besserer Art.
Das Band der Gesellschaft sind Vernunft und Sprache. Wer nicht an der Geschichte partizipiert, droht die Fehler zu wiederholen. (frei nach Cicero) Dies gilt auch für die Technik, was manche Ingenieure wohl vergessen. (ein Ingenieur)

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